Die Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitätsstörung als kulturgeschichtliches Phänomen

Autor/innen

  • Rolf Haubl

Abstract

Die Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitätsstörung wird in diesem Aufsatz nicht als klinisches, sondern als kulturhistorisches Phänomen besprochen. Ich vertrete die These, dass sich die Symptome, die bei den Kindern und Jugendlichen festgestellt werden, in die Geschichte der modernen Nervosität einordnen lassen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Nervosität ist dabei eine Erregung, die - epochentypisch gefärbt - in gesellschaftlichen Umbruchsituationen auftritt und auf unsichere Bindungen verweist. Folglich handelt es sich um ein soziales Problem, das in das Medizinsystem verschoben worden ist und dort vor allem medikamentös behandelt wird. Dadurch diskutieren Erwachsene - kontrovers - über die effektive Therapie von kranken Kindern und Jugendlichen, statt sich für gesellschaftliche Lebensbedingungen einzusetzen, die ihre Söhne und Töchter nicht überfordern.

Schlüsselwörter Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitätsstörung; Nervosität; Bindung; Kulturgeschichte; Gesellschaftswandel; Medikalisierung

Autor/innen-Biografie

Rolf Haubl

Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Direktor des dortigen Sigmund-Freud-Instituts; Gruppen-lehranalytiker (DAGG); Supervisor (DGSv). Arbeitsschwerpunkte unter anderem: Krankheit und Gesellschaft, sozialwissenschaftliche (historische) Emotionsforschung. Letzte Buchveröffentlichungen: „Hass und Gewaltbereitschaft“, zusammen mit Volker Caysa (Göttingen, 2007); „Neue moderne Leiden“, herausgegeben mit Elmar Brähler (Gießen, 2008).

Korrespondenz: Sigmund-Freud-Institut, Myliusstraße 20, 60323 Frankfurt am Main, Deutschland

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Veröffentlicht

01.04.2008

Zitationsvorschlag

Haubl, R. (2008). Die Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitätsstörung als kulturgeschichtliches Phänomen. Psychotherapie-Wissenschaft, (2), 85–91. Abgerufen von https://psychotherapie-wissenschaft.info/article/view/93