Medium und Mediat in Psychotherapie und Psychotherapiewissenschaft

Gerhard Burda

Psychotherapie-Wissenschaft 10 (2) 85–94 2020

www.psychotherapie-wissenschaft.info

CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2020-2-85

Zusammenfassung: Der Text vergleicht einen starren und einen dynamischen Zugang zur Wirklichkeit anhand der beiden Begriffe Mediat und Medium. Medien werden nicht als Wesen oder Identitäten, sondern als Selbst-Differenzen bzw. Verbindungs- und Trennungsverhältnisse in einem ontologischen Sinn aufgefasst. Unsere Wirklichkeit(en) kommen dieser medialistischen Auffassung nach dadurch zustande, dass selbst-differente Medien einander permanent mediatisieren. Ausgehend vom Bewusstsein als Medium des Realisierens von Selbst-Differenz wird dargestellt, wie Erkenntnis im Prozess zustande kommt. Beispiele aus der Psychotherapie verdeutlichen, wie der Veränderungsprozess Inter- und Intrapsychisches umgreift. Die Idee, dass der Medienbegriff als Klammer für sämtliche Psychotherapieformen dienen kann, wird in Richtung Psychotherapiewissenschaft weitergeführt. Diese wird in ihren Grundzügen umrissen.

Schlüsselwörter: Medium, Selbst-Differenz, Psychotherapie, Psychotherapiewissenschaft, radikaler Skeptizismus

Zugänge zum therapeutischen Prozess1

Mediat und Medium

Im Folgenden werden zwei unterschiedliche Zugänge zum therapeutischen Prozess miteinander verglichen. Damit mute ich Ihnen auch ein Stück Theorie zu, die etablierte Denkgewohnheiten herausfordert. Ich meine jedoch, dass es wichtig ist, sich mit den Grundlagen unserer Praxis immer wieder zu beschäftigen. Dies wird nicht zuletzt auch unserer Praxis zu Gute kommen. Der erste Zugang konzentriert sich auf konkrete Phänomene, auf Symptome oder auf etwas scheinbar objektiv Gegebenes, das «archäologisch» entdeckt, hermeneutisch erschlossen oder auch konstruiert werden kann. Dieser Ansatz setzt überlieferte Grössen wie Wirklichkeit, Subjekt, Objekt, Identität oder Intersubjektivität voraus und entspricht einer altehrwürdigen Tradition: Er ist dinghaft und essenzialistisch. Ich werde für diese scheinbar objektiven Gegebenheiten die Bezeichnung Mediat einführen. Erwähnen wir, dass dieser Ansatz bereits vielfältiger Kritik ausgesetzt war (Heidegger, Buber, Derrida uvm.). Der zweite Zugang konzentriert sich mehr auf den spontanen Prozess, in dem alles Auftauchende nicht als etwas bereits fix Vorhandenes, sondern als etwas in Übergang Befindliches aufgefasst wird. Subjekt, Objekt usw. sind deshalb nicht bereits bestehende Grössen, sondern bilden sich erst in diesem Prozess als gegenseitige Referenzen (Interreferenzen). Auch der Prozess als solcher soll nicht etwa einfach bestehen, sondern sich als Milieu vielfältiger Wandlungen erst in und durch diese Übergänge ergeben. Dieser zweite Ansatz geht von einem dauernd sich ereignenden Seins-Prozess aus. In diesem Zusammenhang werde ich von Medien sprechen, die in diesem Prozess dadurch auftauchen, dass sie anderes, also andere Medien, umwandeln (mediatisieren) und dabei gleichzeitig selbst von diesen umgewandelt werden. Medien entstehen also in einer wechselseitigen Abhängigkeit voneinander und überdies zugleich mit dem Prozess.

Um den Unterschied zwischen Mediat und Medium zu verdeutlichen, lade ich Sie zu einer kleinen Reise ein: Wir besuchen eine antike Stadtanlage, irgendwo auf einer griechischen Insel. Es ist Frühling. Der Duft von Nadelhölzern und Kräutern liegt in der Luft. Ein sanfter Wind bewegt die Bäume und Gräser. Insekten schwirren durch die Luft, zwischen den Steinen huschen Eidechsen hin und her. Vor uns erhebt sich ein majestätischer Hügel gegenüber dem Meer, an den sich die Reste ehemaliger Häuser schmiegen. An zentralen Stellen befinden sich die Säulen kleiner Tempelanlagen und eine Agora. Weiter oben am Hügel schlägt ein Pfau sein Rad. Die Wurzeln der Stadt liegen im 6. Jahrhundert v.Chr. und reichen bis ins 1. Jahrhundert n.Chr., das teilen uns die überall aufgestellten Informationstafeln mit. Unser Blick, mit dem wir für gewöhnlich durchs Leben gehen, nimmt die steinernen Mauerreste als Objekte, als Mediate, wahr. Vielleicht machen wir noch Fotos, die wir irgendwann herzeigen können. Wir konservieren die Objekte also gleich noch einmal. Was wir nicht wahrnehmen, ist, dass dieser Blick auf die Steine einer verdinglichenden Fantasie entspringt und dass wir genau durch diesen Blick uns selbst als Subjekt etabliert haben.

Ich schlage Ihnen nun eine Änderung der Sichtweise vor: Stellen Sie sich vor, die Steine haben über Jahrhunderte hinweg das Leben von Menschen mitgestaltet. Sie gehörten zu Häusern, in denen Alltag gelebt, Feste gefeiert, geliebt, gekämpft, geboren und gestorben wurde. Kurz gesagt: Häuser und Steine waren Medien, die daran beteiligt waren, dass Menschen – und zwar einzelne Menschen ebenso wie ihre Gesellschaft und Kultur – zu dem werden konnten, was, wer und wie sie waren. Umgekehrt wiederum waren die Menschen daran beteiligt, was die Steine, Häuser und Tempel waren – ebenso wie der Wind, das Wetter und all die kleinen Flechten und Moose, die die Oberfläche der Steine verändert haben und verändern. Wir erahnen somit einen wechselseitigen Prozess, in dem das eine Element das Medium des anderen war: Die Steine, die Gebäude und all das, was uns gerade umgibt – und noch vieles mehr, das wir nicht benennen können – formte jene Menschen mit, die hier lebten. Umgekehrt wurden die Steine ebenso von diesen Menschen mitgestaltet. Sie wurden in Steinbrüchen gebrochen, bearbeitet und zu Gebäuden zusammengefügt. Wir erkennen ausserdem, dass die Steine, über die wir uns hier unterhalten, etwas mit uns während der letzten Minuten gemacht haben: Sie haben den Text gelesen, hatten vielleicht Bilder, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle. Er wird Sie vielleicht dazu anregen, nachher darüber zu diskutieren. Vielleicht haben Sie auch Lust bekommen, selbst wieder eine griechische Insel zu besuchen. Vielleicht denken Sie sich auch: So ein Unsinn! – Was es auch sein mag: Die Steine in meiner Erzählung waren alles andere als bloss tote Objekte in einem Reisebericht. Sie sind Medien, die vielfältige Prozesse ausgelöst haben – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch jetzt.

Um das wechselseitige Voneinander-abhängig-Sein der Medien und den Unterschied zwischen einem substanzhaft-objektivierenden und einem medialen Verständnis zu verdeutlichen, bringe ich ein weiteres Beispiel. Nehmen wir die aktuelle Corona-Pandemie: Was wir aktuell sind, wird durch Medien wie das Virus (über das wir wahrlich nicht alles wissen), Statistiken, einander widersprechende Berichte, Fakes, Verschwörungstheorien, individuelle Symptome, den Wettlauf der Forschungsberichte, Zukunftsszenarien, Hamsterkäufe, multiple Ängste, Projektionen auf das Virus, Verarbeitungsmuster usw. realisiert. Aus dieser Pandemie der Panik ergibt sich ein Prozess, der so ziemlich alles einer Veränderung unterworfen hat. Wandeln wird sich freilich auch das Virus, so zum Beispiel dann, wenn es auf ein entwickeltes Medikament reagiert und mutiert. Das Virus ist ebenso Medium unseres weiteren Prozesses wie wir Medien des seinen sind. Es mediatisiert uns, wir mediatisieren es aber auch. Mensch und Virus bilden somit ein komplexes mediales Verbindungs-Trennungs-Verhältnis, zu dem noch zahllose andere Medien ergänzt werden könnten (Behandlungsmethoden, Studien, Kliniken, Politisches, Ökonomisches usw.). Es zeigt sich deutlich, dass der Mensch dabei keine ausgezeichnete ontologische Stellung einnehmen kann, obwohl es gerade um ihn geht.

Fragen wir: Was hat diesen Perspektivenwechsel vom Mediat zum Medium ermöglicht? Und was hat uns das gebracht? Um es kurz zu machen: Es war die Einbildungskraft, die Imagination. Haben wir im ersten Fall die Steine als tote Objekte imaginiert und uns dazu als Subjekt – als HistorikerIn, TouristIn, FotografIn, ErzählerIn – in Beziehung gesetzt, so haben wir dies auch im Fall des Mediats getan. Auch hier haben wir unsere Fantasien gleichsam auf eine Art Leinwand projiziert. Wir haben jedoch zu der ersten Imagination eine weitere hinzugefügt und dadurch den Imaginationsraum insgesamt erheblich erweitert. Anders gesagt: Wir haben einen Raum vielfältiger und auch widersprüchlicher Imaginationen eröffnet und zugelassen. Genau durch diese Erweiterung haben wir die Steine aus ihrer starren Identifizierung befreit und sie gleichsam als Medium zu beschreiben begonnen. Der Stein im Beispiel der griechischen Stadtanlage (aber auch der Meteorit bzw. das Virus) muss dadurch nicht mehr einfach nur das datierte Objekt sein, das er vorher war, sondern darf etwas ganz anderes sein. Man könnte sagen: Wir haben ihn in ein Differenzverhältnis zu sich als Objekt gesetzt. Als Medium darf der Stein wie ein Samen sein, dessen Frucht jetzt, zwei Jahrtausende später aufgeht und weiterwirken wird.

Vertiefen wir uns etwas in den Medienbegriff: Der Ausdruck Medium ist besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert aktuell geworden. Man spricht von einem sogenannten medial turn und bezieht sich dabei hauptsächlich auf Veränderungen, die neue Technologien, allen voran die Informationsverarbeitung sowie die Massenmedien mit sich gebracht haben. Ich verwende den Begriff Medium allerdings in einem anderen, nicht-trivialen Sinn2: Medium ist für mich in erster Linie ein ontologischer Begriff, das heisst, Medien – und nicht Substanzen oder irgendwelche andere Entitäten (vgl. Krämer, 2008) – sind die fundamentalsten Entitäten, die wir annehmen können (Burda, 2010, 2011).

Mediamorphose und Bewusstsein

Betonen wir den schöpferischen Aspekt des Mediums. Ein Medium überträgt nicht etwa bloss eine Botschaft oder Information eins zu eins von A nach B, sondern verändert diese auch (vgl. McLuhans [1992] Diktum vom Medium als Botschaft). Denken Sie etwa auch an das Spiel Stille Post. Neben diesem generativen Aspekt zeichnet Medien aus, dass sie die starre Polarität zwischen Identität und Differenz unterwandern. Medien sind nicht mit sich selbst idente Wesenheiten, sondern per definitionem selbst-different und phantasmatisch. Ein Medium ist zwar eine Art handelnder Agent, als solcher aber eben nicht autonom, sondern immer auf etwa anderes angewiesen (es gibt somit kein Medien-Apriori; s. Mersch, 2006). Wie der Name Medium von lat. medius andeutet, nehmen Medien eine Art Zwischenposition ein – in unserem Fall: sowohl zu sich selbst als auch zu anderen. Mit anderen Worten: Medien sind Selbst-Differenzen. Im Medium treffen Sein und Schein, Identität und Differenz, Aktivität und Passivität, Verbindung und Trennung aufeinander, ohne ineinander überzugehen. Medien kennen zudem keine Hierarchie, die ein Medium vor einem anderen auszeichnen würde. Wenn ich später den Menschen als Medium skizzieren und dabei auch auf das Bewusstsein zu sprechen kommen werde, dann heit das nicht, dass der Mensch deshalb bevorzugt gegenüber zum Beispiel anderen Lebewesen oder Dingen wäre. Bewusstsein beschreibt nämlich nur die Art und Weise, wie wir uns Menschen vorfinden und wie wir uns dies zu erklären versuchen.Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die diversen, turns genannten Paradigmenwechsel im 20. Jahrhundert: So gab es einen linguistic turn, die Hinwendung zur Sprache und zur Schrift, die das Bewusstseinsparadigma ablöste – denken Sie an Wittgenstein, den Wiener Kreis, den Strukturalismus aber auch an Freuds Psychoanalyse im Sinne einer talking cure. Es gab den cultural turn, den iconic turn in den Bildwissenschaften, auch einen sogenannten affective turn, also die Hinwendung zur Intensität der Affekte und zum nicht-normierbaren Körper. All diese turns stellen jeweils ein ganz besonderes Medium ins Zentrum – von der Sprache über die Schrift und das Bild bis hin zu den Affekten. Damit reduzieren sie jedoch gewissermassen die Mediendiversität auf ein besonderes Primat. Das ist einerseits reduktiv, die Betonung eines besonderen Mediums kann uns aber andererseits auch verständlich machen, warum neben psychodynamischen Therapieformen auch andere Psychotherapieformen helfen können. Der Grund, warum das so ist, ist, dass sämtliche Therapieformen eben mit speziellen Medien arbeiten. Der Medienbegriff bietet uns damit eine Möglichkeit, einen gemeinsamen Boden für alle Therapieformen zu benennen. Wir könnten uns somit auf etwas Gemeinsames berufen, anstatt Abgrenzungskämpfe zu führen. Dieser gemeinsame Boden ist zum Beispiel auch für die Psychotherapiewissenschaft ein wichtiges Thema.

In der Psychotherapie geht es um den leidenden Menschen. Der Mensch kann, wie gezeigt wurde, selbst als Medium, als homo medialis, verstanden werden: Er ist eingebettet in ein mediales, prozesshaftes Milieu. Auf der elementarsten Ebene läuft ein «Prozess» ab, der darin besteht, dass beliebige Medien einander permanent wandeln und mediatisieren. Ich nenne diesen Prozess Mediamorphose. Sie kennen sicher alle das berühmte Schwarze Quadrat von Malewitsch, das uns das Gemeinte verdeutlichen kann: Es laufen Prozesse ab, die uns zunächst nicht bewusst sind. Gäbe es nur diesen «unbewussten» Prozess, so entspräche dies einer reinen Immanenz oder einer kompletten Unbewusstheit, die die schwarze Fläche des Bildes andeutet. Gäbe es nur diese, so wären wir etwa blosse Bestandteile eines «Geistes» oder einer «Materie», ohne es überhaupt merken zu können. Unsere Existenz wäre wie im Tiefschlaf, von dem wir nichts wüssten. So ist es jedoch gerade nicht, denn wir finden uns irgendwann in unserem Leben auf der «subjektiven» Seite dieses Prozesses vor. Wir «erwachen» gleichsam zu einer Selbst-Evidenz. Wir werden bewusst, erleben uns als wahrnehmend, denkend, fühlend, träumend und noch vieles mehr; wir erleben auch Unterbrechungen, etwa im Schlaf, und wir erleben eine Welt ausserhalb unserer selbst. Wir beginnen auch sofort, uns automatisch mit diesen Prozessen – etwa dem Medium Denken oder dem Medium Fühlen bzw. mit den dahinter wirkenden Phantasmen zu identifizieren, um uns darüber aufzuklären, wie es um uns bestellt ist. Dabei merken wir zunächst nicht, dass diese genannten Medien ständig aneinander wirken: Ohne dass wir es merken, wirken physiologische Vorgänge und Wahrnehmungen an Gedanken und Gefühlen, Gedanken und Gefühle wiederum bewirken Bewegungen, Bewegungen gehen in Gefühle, Bilder und Gedanken über; diese wiederum in Körpervorgänge und Körpervorgänge in Fantasien und Verhalten. Dieser Prozess, den wir ad libidum führen könnten, läuft spontan ab, ein Fliessen, das sich ständig eine neue Bahn sucht und diese auch findet. Bewusst zugänglich ist uns das nur ansatzweise, zum Beispiel wenn es Probleme gibt oder wir zu fragen beginnen, wer wir eigentlich sind. Wenn wir das tun, greifen wir zunächst sofort auf etwas wie unseren Namen, das Alter, den Beruf, unsere Herkunft, unsere Fähigkeiten usw. zurück. Darauf sind wir von klein auf trainiert, doch, ehrlich gesagt, keine dieser Kategorien kann uns in toto erfassen. InderInnen drücken dies mit dem Spruch Neti, neti! aus: Ich habe einen Körper aber bin nicht mein Körper. Ich habe Gedanken und Gefühle, aber ich bin nicht meine Gedanken und Gefühle. Um es auf den Punkt zu bringen: Sobald wir uns über uns selbst oder auch die Phänomene um uns herum aufzuklären versuchen, etabliert sich ein fundamentales dualistisches Verhältnis: Ohne dass wir es merken, trennt uns ein permanenter Abstand von dem, was wir über uns denken, fühlen oder imaginieren. Ein Begriff wie das Unbewusste setzt diesen permanenten Abstand, diese Selbst-Differenz, übrigens voraus. Jeder Versuch, diese Kluft schliessen zu wollen, schafft sie erst recht wieder.

Auf dieser Stufe der Identifikation mit Prozessen, bei der wir uns zum Beispiel mit den unseren Gefühlen entsprechenden komplexhaften Fantasien identifizieren, liesse sich unser Bewusstsein als Medium des Realisierens von Selbstdifferenz in einem trivialen Sinn auffassen. Realisieren ist dabei sowohl im Sinne von verwirklichen als auch im Sinne von erkennen zu verstehen: Verwirklichen heisst, dass wir anderes, also andere Medien, mediatisieren, ohne es zu wissen, und erkennen meint auf dieser Stufe, dass es von uns Verschiedenes gibt, das wir als Objekt bzw. als Mediat wahrnehmen und behandeln. Trivial heisst in diesem Zusammenhang, dass wir dabei noch nicht in vollem Umfang realisiert haben, dass wir – als Medien – ständig zu uns selbst in Differenz stehen – dass wir also nicht auf unsere Gefühle oder unser Denken oder unsere Vorstellungen von uns reduzierbar sind. Wir realisieren auch nicht, dass auch anderes selbst-different ist (z.B. die Steine in unserem Beispiel). Wir realisieren auch nicht, dass wir in etwas wurzeln, was wir uns nie ganz erklären können3. Mit anderen Worten: Wir haben den fundamentalen Dualismus an der Basis jedes menschlichen Wissens noch nicht erfasst: Nämlich, dass wir immer eine Art Projektionsfläche für die Entwürfe unserer selbst und unserer «Wirklichkeiten» benötigen. (Ich möchte dazu am Ende ein Beispiel bringen, bei dem sich zeigt, dass jeder Versuch, diesen inneren Abstand schliessen zu wollen, scheitert.)Kehren wir zurück zu unserem fundamentalen Dualismus. Bereits in dieser trivialen Form von Bewusstsein bestätigt sich unsere Exzentrizität, d.h.das heisst, die Tatsache, dass wir nicht in irgendeiner Immanenz (s. das Schwarze Quadrat) aufgehen, sondern dass wir sie je immer schon übersteigen. Wir übersteigen sie je immer schon durch unser Bewusstsein, können uns aus unserer Immanenz nie gänzlich lösen. Wir sind in eher einer Art Bardo, einem Zwischen, da wir uns ständig irgendwo zwischen Immanenz und Transzendenz bewegen, ohne je in dem Einen oder in dem Anderen aufzugehen. Ein Gemälde von Pere Borel del Caso mit Namen Escaping Criticism bringt dies für uns zum Ausdruck: Aus einem dunklen Fenster versucht ein Mensch herauszusteigen – was jedoch nicht möglich ist: Er entkommt dem Bild nicht, kann sich nur etwas daraus erheben, ein Bein bleibt im dunklen Hintergrund verhaftet, das andere steht auf dem Holzrahmen, das die Schwärze rahmt. Die Figur kann sich also zwar vom Hintergrund lösen – aber eben nicht ganz. Das heisst, sie gelangt nie in die Position einer sogenannten God’s Eyes View, bei der sie wie ein «Gott» von aussen die Prozesse in der Welt, in den Wesen – und auch in Bezug auf sich selbst) überblicken könnte. Diese Position würde das Gegenteil der reinen Immanenz bedeuten – nämlich eine reine Transzendenz, einen Standpunkt ausserhalb, den wir nie einnehmen können, da er unsere conditio humana übersteigt. Genau dies können wir jedoch, wie gesagt, nicht. Unser Dualismus bleibt gewissermassen immer horizontal (ontisch), er kann nie vertikal (und damit ontologisch) werden und behaupten, eine Wahrheit-an-sich verkünden zu können. Dies ginge nur um den Preis einer gewaltigen Inflation oder einer Psychose. Anders gesagt: Die besagte Figur im Bild von Borel del Caso entkommt ihrem dunklen Hintergrund – nennen wir ihn «Materie» oder «Geist» oder «Psyche» etc. – nicht. Im wissenschaftlichen Diskurs wird jedoch genau diese Position und ihr jeweiliges phantasmatisches Apriori (Verbindung oder Trennung) unreflektiert eingenommen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das Verständnis für die kompensatorische Gegenfantasie in Bezug auf das leitende Apriori: Der Realismus muss die Möglichkeit des Irrtums anerkennen, da sonst alles wahr wäre. Die Bedingung der Möglichkeit, von einer grundsätzlich gegebenen Verbindung zwischen Wissen und Wirklichkeit auszugehen, wird vom gegenteiligen Phantasma der Trennung flankiert. Die Verbindung kann damit nicht absolut gedacht werden. Im Fall des Konstruktivismus und dessen Grundapriori der Trennung muss genau die eigene Theorie als ihre eigene Ausnahme gesetzt werden, da anders keine Aussage über das Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit gemacht werden könnte. Die leitende Annahme der Trennung muss in diesem Fall für die eigene Theorie suspendiert und durch eine Verbindung kompensiert werden.

Uns ist somit weder möglich, nur «im» Schwarzen Quadrat (reine Immanenz) zu verweilen noch in eine God’s Eye View abzuwandern (reine Transzendenz). Unsere Position ist diejenige der Figur im Bild von Borel del Caso. Damit müssen wir uns sowohl zu Verbindung als auch zu Trennung in ein Verhältnis setzen. (Das ist, was Wissenschaft in Bezug auf Materie, Geist etc. macht.) Wir stehen somit in einer Verbindung zu «etwas», in dem wir «wurzeln» (Materie, Geist, das Unbewusste usw.) und haben zugleich die Fähigkeit, uns zu allem in eine Distanz setzen zu können. Auf der «subjektiven» Seite bedeutet dies, dass wir zu uns selbst, zu unserem Denken, unserem Fühlen etc. eine Distanz einnehmen können. Das ist gleichzeitig Fluch wie Vorzug. Diese Fähigkeit zur Distanzierung ist zum Beispiel grundlegend für unsere therapeutische Arbeit, die oft darin besteht, den festgefahrenen Meinungen unserer AnalysandInnen eine andere Perspektive aufzuzeigen, die als Neuorientierung dienen kann. Ein schönes Beispiel für diese Selbstdistanzierung ist der Traum Tsuangtses, ein Schmetterling zu sein. Als er aufwacht, fragt er sich, ob nun der Schmetterling ihn träumt. Genau die Fähigkeit, diese Frage zu stellen, erweist, so Lacans Kommentar zu diesem Traum, dass Tsuangtse nicht psychotisch war. Er kann sich nämlich gleichsam aus zwei unterschiedlichen Positionen wahrnehmen und damit relativieren. Und genau dies ist auch das entscheidende Moment, um den Übergang vom Mediat zum Medium zu verstehen. Die Kraft, die diesen entscheidenden Schwenk ermöglicht, ist, wie bereits gesagt, das besondere Medium der Imagination.

Nun, wir haben uns der Frage, was der Mensch ist, von der «subjektiven» Seite, von unserer Selbstevidenz her anzunähern versucht. Wir haben dabei über Denken, Fühlen und das Bewusstsein gesprochen. Das ist jetzt noch zu erweitern: Wir sind nämlich nicht nur in unsere «subjektive» Erste-Person-Perspektive eingebettet, sondern immer auch in einen je bestimmten historischen und sozio-kulturellen Hintergrund und damit in einem Bereich, in dem wir Gefühle, Wahrnehmungen, Stimmungen, Gedanken, Sprache und Fantasien miteinander teilen. Wir sind eingebettet in Gemeinschaften, Ideen, Weltdeutungen, Diskurse, Narrative und Praktiken. All diese Medien formen das mit, was uns mit ausmacht, und auch, was für uns Sinn ergibt. Sinn bildet sich deshalb immer in Auseinandersetzung mit diesem Background aus Kultur, Erziehung, Politik, Religion usw.; alle genannten Felder können ihrerseits wieder als Medien aufgefasst werden, die den Menschen bilden und zugleich etwas, das von ihm weitergebildet und gewandelt wird.4 Man könnte diesen Bereich betreffend von einem externen Dualismus sprechen. (Dazu gehört auch die Dritte-Person-Perspektive der Wissenschaften).

Psychotherapie als Phänomediologie des Heilens und Forschens

Kommen wir zur Psychotherapie: Menschen sind an einem ständigen Übersetzungsgeschehen mitbeteiligt. Was für den Menschen im Allgemeinen gilt, gilt für TherapeutInnen im Besonderen. Psychotherapie lässt sich als professionelles Begleiten dieser Vermittlungs- und Übersetzungsprozesse, als eine Phänomediologie des Heilens und Forschens, verstehen. Man ist ebenso Medium der Veränderung und Selbstwerdung des anderen wie der andere das Medium der eigenen Veränderung und Selbstwerdung ist. Dass wir im Prozess ebenso verändert werden wie unsere PatientInnen, ist nichts wirklich Neues für uns. Lassen Sie mich das uns bereits Bekannte jedoch in einer anderen Begrifflichkeit auszudrücken versuchen! Man kann sagen: Der «Gegenstand» der psychotherapeutischen Tätigkeit und ihrer wissenschaftlichen Erforschung ist ein Prozess, der sich nur unter dem Preis von Reduktion und Spaltungen auf ein Individuum, eine bestimmte Disziplin oder eine spezielle Methode reduzieren lässt. Soll Psychotherapie zur Neuorganisation des «Selbst- und Weltverhältnisses» beitragen, dann ist es nicht egal, was jeweils unter Selbst, Welt oder Sinn verstanden wird. Vielfältigste Identifizierungen bestimmen nicht nur die impliziten und expliziten Glaubenshaltungen seelisch Leidender, sondern auch den persönlichen Hintergrund der TherapeutInnen sowie das Menschenbild einer bestimmten Psychotherapiemethode. Auch wir TherapeutInnen sind gewohnt, von uns, von anderen, von unserer «Welt» und der Wirklichkeit in Form von Mediaten zu denken. Mediate können Objekte, Daten, Bilder, Begriffe, Erfahrungen, Sachverhalte, Narrative, Theorien etc. sein. Im Alltag identifizieren wir uns mittels Mediaten mit etwas bzw. wir grenzen uns von etwas anderem ab – was auch durchaus sinnvoll und notwendig ist. Mediate lassen sich als phantasmatische Projektionsflächen verstehen. Sie gleichen «Requisiten», «Rollen» und «Bühnenbildern» (Weltbildern, Ismen), innerhalb derer wir uns eingelebt haben. In der zwischenmenschlichen Begegnung spielen die anderen ebenso eine Rolle in unserem Bühnenbild wie wir in ihren Bühnen- und Weltbildern. Durch diese unbewusste Besetzung wird die transformierende Kraft der Begegnung mit dem anderen, die in jedem Fall – also bewusst oder nicht, zum Guten wie zum Schlechten – stattfindet, oft nicht als solche entsprechend beachtet.

Uns bewusst zu machen, dass der andere ebenso ein Medium unserer Selbst- wie Weltbildung ist, wie wir für ihn, ist deshalb ein wichtiger Schritt. Er verlangt die Bereitschaft, nicht nur die Phantasmen und Identifikationen der PatientInnen zu untersuchen, sondern auch die eigenen. Ich möchte Ihnen zum Abschluss Beispiele bringen, in denen auf der Seite der TherapeutInnen deutlich wird, wie sich allmählich neue Identifizierungen und Sinn im gemeinsamen Prozess herausbilden und wie das auf den weiteren Prozess wirkt.

Erstes Beispiel: In der Supervision schildert ein Arzt seine Bedenken wegen massiver Interventionen auf einer psychiatrischen Notfallstation. Er behandelt eine psychotische, schwer suizidale Frau, die untergebracht, fixiert und zwangsernährt werden muss. In der Durcharbeitung seiner Fantasien merkt er, dass er zunächst die Patientin auf das reduziert hat, womit sie sich identifiziert: mit ihrem Wahn und mit ihrer Hilflosigkeit (Mediat). Darin spiegelt sich zunächst einmal auch die Ambivalenz des Arztes gegenüber der Institution, in der er arbeitet und die er als inhuman erlebt: Er ist einer Hierarchie ausgeliefert, arbeitet oft so viel, dass er nicht einmal merkt, dass er Durst oder Hunger hat. Im Zuge der Supervision merkt er jedoch allmählich, dass sein Vorbehalt gegen den Gebrauch der verpönten Machtmittel nicht nur ein stiller Protest gegenüber der Institution ist, sondern sich viel allgemeiner gegen das Inhumane schlechthin richtet, dem auch die Patientin in der Psychose hilflos ausgeliefert ist. Für beide heilsam wird nun, dass er merkt, dass es ihm eigentlich um eine ethische Entscheidung geht – nämlich um die Frage, wen der Tod trifft und wen nicht (vgl. Lévinas, 1996; Badiou, 2003; Burda, 2008). Der Arzt merkt, dass er buchstäblich «vor dem Tor zur Hölle» (O-Ton) steht und die Humanität einer besseren «Welt» vertreten möchte. Zugleich realisiert er jedoch auch, dass die Inhumanität unweigerlich im Herzen seiner eigenen Humanität zu Hause ist, was sich etwa im Gebrauch an sich gewaltsamer Praktiken wie Fixieren und Zwangsernährung manifestiert. Seine anfänglich ablehnende Haltung verändert sich dadurch; ebenso seine Beziehung zur Patientin. Er merkt, dass es nicht bloss um die Patientin, sondern existenziell auch um ihn selbst bzw. um den Wunsch nach einer besseren «Welt» geht, in der sowohl er als auch seine Patientin einen Platz haben sollen. Es gelingt ihm dadurch allmählich, sich auf die Patientin unabhängig von ihrem psychotischen «Bühnenbild» zu beziehen. Sie wird nun vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben nicht mehr darauf festgelegt: Sie wird weder auf «ihre» psychotische Vorstellung von sich noch auf die in vielen Bereichen der Psychiatrie übliche biologistische Vorstellung reduziert. Sie wird vielmehr als etwas wahrgenommen, dass etwas Entscheidendes bei ihm ausgelöst hat. Anders gesagt: Sie wird selbst als Medium des Prozesses erkannt. Was ist also geschehen? Nun, er hat gemerkt, wie fragil und voneinander abhängig sowohl seine Welt- und Selbstbildung als auch diejenige seiner Patientin ist. Dadurch sieht er ein, worauf es ankommt, um etwas Gutes bewirken zu können. Woher dieses Gute letztlich kommt, kann und muss auch gar nicht mehr entschieden werden. Das Gute entspringt dem Prozess und kann im wahrsten Sinn des Wortes realisiert – das heisst erkannt und verwirklicht werden.Was heisst gut genauer besehen? Dazu ein zweites Beispiel: Ein Mann arbeitet in der Therapie seine Tendenz zu Idealisierung, die damit verbundenen Enttäuschungen und seine Selbstzuschreibung von Schuld durch. Er fühlt sich nicht wahrgenommen und geliebt, möchte die fehlende Anerkennung sowohl in der Familie als auch im Beruf durch besondere Leistung erwerben. Er muss sich über alle Masse anstrengen, dass die anderen ihn endlich bemerken und schätzen, er ist es von sich aus nicht wert, dass er geliebt wird (Identifikation). In der Therapie wird die Idealisierung allmählich als Wunsch transparent, mit einem idealen Selbstbild zu verschmelzen, das seine tiefe Minderwertigkeit kompensieren könnte. In Träumen tauchen allmählich Szenen auf, in denen er in einem guten Umfeld ist, Freude und andere positive Gefühle erlebt. Diese Träume sind gänzlich anders als frühere Träume, in denen er entweder ein Supermann war oder von anderen manipuliert wurde oder sich auf eine sehr beschämende Art und Weise selbst schädigte. Er misstraut zunächst diesen neuen Träumen, seine Ambivalenz wird Thema und er möchte wieder «von aussen» bestätigt bekommen, dass es bzw. er «wirklich» gut ist. Am liebsten wäre es ihm, irgendein freundlicher «Gott» persönlich würde ihm dies bestätigen. Der Therapeut erlebt in der kurzen Pause nach dieser Sitzung – es handelte sich um eine frühe Sitzung am Morgen –, wie die Sonne über den Dächern aufgeht und wie sehr ihn dieser kurze Moment ergreift und «wandelt». Dieses Erlebnis, bei dem sich etwas Gutes ereignete, dem vertraut werden kann, ohne genau wissen zu müssen, was es letztlich ist oder woher es kommt, teilt der Therapeut in der nächsten Sitzung dem Patienten mit. Worum ging es dabei? Zunächst einmal ist es in diesem Zusammenhang völlig egal, ob die Sonne ein heisser physikalischer Körper, ein mythisches Wesen oder eine Metapher für das Gute an sich ist. Alle diese Phantasmen gehören zum Raum der Fantasien, die Menschen sich im Zusammenhang mit der Sonne gebildet haben (Mediate). Ausschlaggebend war dagegen die Evidenz der Veränderung. Man könnte nun einwenden: Da wir keine unmittelbare Gewissheit haben können, kann es auch nicht das sich im Erlebnis mit der Sonne einstellende Gefühl sein, das als letzter Referenzpunkt der Gewissheit von etwas Gutem dienen kann. Und doch: Beide Momente – sowohl die Sonne als auch das sich einstellende Gefühl – konnten im therapeutischen Prozess aufgegriffen werden, um in ihrer Rolle als Medium von Veränderung realisiert zu werden. Damit gingen – ausgehend von der Veränderung des Therapeuten – auf der Seite des Patienten Veränderungen im Selbstbild und in der Übertragung einher: Wurde dem Therapeuten zu Beginn der Therapie eine Position zugeschrieben, die das menschliche Mass inflationär überschreitet (Identifikation) – wodurch sich gezwungenermassen auch die gewohnten Enttäuschungen in der Übertragung wiederholen mussten –, so bekommt dieser Wunsch nun eine völlig neue Ausrichtung: Die Idealisierung kann allmählich zurückgenommen und die Enttäuschung über die Nichterfüllung des Wunsches nach Grösse von einer Einstellung abgelöst werden, hinter der die gesuchte Anerkennung und Wertschätzung spürbar wird. Anerkannt kann nun vor allem auch das werden, was bisher abgewertet werden musste: die eigene Minderwertigkeit und Schwäche.

Beide Beispiele zeigen, wie die Veränderung des Therapeuten auf den Prozess zurückwirkt. Solche Momente des Übergangs, des Transits aus festgefahrenen Strukturen, sind meiner Erfahrung nach mit einer tiefen Befriedigung, mit Erstaunen und mit Freude verbunden. Es stellen sich Neugierde, Sinnhaftigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen in den Prozess und Bescheidenheit angesichts der Weite des Nur-Erahnbaren ein. Man realisiert, dass die Seele tatsächlich «ein weites Land» ist, und dass man – wie weit auch immer man geht – ihre Grenzen nicht erreicht. Man realisiert, dass es nicht egal ist, wie man über sie denkt und ihr begegnet.

Ich habe zuvor noch ein Beispiel angekündigt, das meines Erachtens zeigt, dass jeder Versuch, den inneren Abstand, die Selbst-Differenz, schliessen zu wollen, scheitert. Ein Mann sucht mich auf. Er arbeitet in einer hohen Position, hat jahrelanges Meditationstraining hinter sich. Sein Tagesrhythmus sieht so aus: Er arbeitet und danach fährt er nach Hause, isst etwas, schläft ein wenig, setzt sich in einen Stuhl, starrt stundenlang gegen eine leere Wand und beobachtet seine inneren Prozesse. Im Alltag erlebt er mitunter wunderbare Momente der Klarheit, in denen alles, so wie es ist, gut ist. Sein sehnlichster Wunsch ist jedoch, sein Ich loszuwerden, da dies in buddhistischer Sicht eine Illusion sei. Er spricht von Non-Dualität und von den zum Scheitern verurteilten Versuchen des Verstandes, etwas erklären zu wollen – zum Beispiel, warum alles so ist, wie es ist. Eigentlich hat er damit, das bestätigen ihm auch seine buddhistischen Lehrer, eine gewisse Stufe der Verwirklichung erreicht. Wir merken beide rasch, dass argumentativ nichts zu erreichen ist. Das hat er jahrelang virtuos eingeübt. Es entwickelt sich eine spontane gegenseitige Sympathie. Ich frage mich, ob er psychotisch ist. Dagegen sprechen seine Präsenz, seine mitschwingenden Gefühle und sein Humor. Allerdings hat ihm auch einer seiner Lehrer empfohlen, irgendetwas «Banales» zu machen, etwa eine Sprache zu lernen, da er im Haus «Geräusche» hört, die ihn irritieren und sich nicht lokalisieren lassen. Wenn ihm alles zu viel wird, «löscht er die Festplatte», das heisst, er betrinkt sich. Ich frage mich – und auch ihn, was ich denn für ihn tun kann. Er erzählt spontan einen Traum: Er findet einen Sarg und erschrickt, weil darin ein Toter liegt. Es ergibt sich im weiteren Gespräch rasch, dass er selbst dieser Tote sein muss. Ist dieser Traum nun eine Kompensation seiner bewussten Haltung? Ist es eine Wunscherfüllung? Er möchte doch sein «Ich» hinter sich lassen. Warum freut er sich dann nicht, dass er «tot» ist, sondern erschrickt stattdessen? Nun, diese kleine Episode zeigt, dass wir immer eine Projektionsfläche benötigen, denn auch seine Anstrengung, sein Ich bzw. sein damit verbundenes Selbstbild hinter sich lassen zu wollen, schafft wiederum nur eine neue Form von Identifizierung. Und genau diese unterwandert sein Traum auf eindrucksvolle Art und Weise und bestätigt – allen Versuchen zum Trotz, die Non-Dualität realisieren zu wollen, den fundamentalen Dualismus an der Basis unseres Wissens. Diesen Dualismus versuchen wir für gewöhnlich in Form starrer Mediate zu fassen. Ich habe jedoch zu zeigen versucht, dass es durchaus sinnvoll ist, dies in Form einer medialen Prozesshaftigkeit zu verstehen, die dem permanenten, interreferenziellen Wandel, dem wir ausgesetzt sind, eher gerecht wird als starre Identifikationen, die nur um den Preis von Spaltungen aufrechterhalten werden können.

Positionspaper Psychotherapiewissenschaft5

Zum Verhältnis von Psychotherapie und Psychotherapiewissenschaft

Psychotherapiewissenschaft (PTW) widmet sich der kritischen und systematischen Erforschung der Psychotherapie (PT). In weiterer Folge beschäftigt sie sich auch mit Diskursen, die auf PT Bezug nehmen sowie mit der Einbettung der PT in historisch-kulturelle Bedingungen und Gegebenheiten. Dies impliziert die Betonung von Vielfalt und die Distanzierung gegenüber singulären Führungsansprüchen, seien sie von einzelnen Psychotherapierichtungen, von externen Wissenschaften oder auch von beliebigen symbolischen Glaubenssystemen erhoben. Die PTW vertritt dadurch eine Haltung, die zu Verantwortlichkeit und Solidarität (Mediarität) über alle Differenzen hinweg ermutigt. Der damit gegebene normative Anspruch schliesst jedoch nicht aus, dass sich die PTW als abhängig von Bedingungen versteht, die ausserhalb ihrer selbst liegen.

Psychotherapie (PT) ist eine bestimmten Methoden folgende Praxis zur Linderung seelischen Leidens, die auf spezifischen Grundannahmen basiert (Theorie 1. Ordnung). Diese Grundannahmen entstammen unterschiedlichen Wissensfeldern (Medizin, Psychologie, Philosophie usw.) und Praktiken (Kunst usw.). Verlangt ein avancierter Wissenschaftsbegriff nach einer Reflexion der eigenen Grundlagen (Theorie 2. Ordnung), dann ist PT keine Wissenschaft im engeren Sinn. Schulenintern mag mitunter zwar eine Art Selbstreflexion erfolgen, für die unterschiedliche Zugänge gewählt werden. Der theoretische Hintergrund der jeweiligen PT wird dadurch dem entsprechenden Zugang angenähert. Diese interne Selbstreflexion ist jedoch nicht mit PTW als externer Perspektive auf PT zu verwechseln.

PTW in ihrer besonderen oder angewandten Form untersucht PT als Praxis und Theorie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, einschliesslich der auf sie Bezug nehmenden wissenschaftlichen Forschungsansätze. Dabei verfährt PTW nur in einem ersten Schritt deskriptiv. In ihrer systematischen oder allgemeinen Form muss PTW zusätzlich einen erkenntnis- und wissenschaftskritisch informierten Hintergrund bereitstellen, von dem aus die Untersuchung ihres Gegenstandes erfolgen kann. Damit ist PTW nicht mehr rein deskriptiv, sondern auch eine normative Metatheorie in einem dreifachen Sinn:

  1. PTW muss einen sämtlichen Therapieformen gemeinsamen Hintergrund angeben können.
  2. Sie muss sich mit ihrem Gründungsanspruch erkenntnis- und wissenschaftskritisch auseinandersetzen (Theorie 2. Ordnung).
  3. Als eigenständige Wissenschaft muss die PTW auch andere externe Forschungsdesigns reflektieren, die sich mit PT auseinandersetzen. Dies gilt besonders dann, wenn diese Verfahren im Rahmen einer psychotherapiewissenschaftlichen Untersuchung zum Einsatz kommen sollen.

Psychotherapiewissenschaft als Anthropomediologie

Im Hinblick auf Punkt 1 wird vorgeschlagen, auf den Psychebegriff zu rekurrieren. (Dies kann hier nicht näher erläutert werden.) Dieser ist entsprechend – und zwar vor allem in Abhebung von der Psychologie und Psychiatrie und in Verschränkung mit Punkt 2 – eigens herauszuarbeiten. Eng damit verbunden kommt ein weiterer Begriff zur Anwendung: der Begriff Medium bzw. der Begriff Medialität (vgl. Krämer, 2008). Darunter versteht man die Annahme, dass uns Wissen und Erkenntnis nie unmittelbar, sondern immer nur vermittelt zugänglich sind. Das bedeutet, dass die phänomenologisch – am Symp­tom, Verhalten usw. – orientierte Ausrichtung, die in der PT praktiziert wird, aus einer phänomediologischen Perspektive untersucht wird: PT wird von der PTW als Phänomediologie, die im Hintergrund stehende Anthropologie als Anthropomediologie behandelt.

Im Hinblick auf Punkt 2 wird ein radikal skeptizistischer Ansatz angeraten: Radikal heisst, dass der Skeptizismus nicht nur diverse erkenntnistheoretische Formate (Realismen, Konstruktivismen) und auf diesen basierende Erscheinungsformen von PT bzw. die sich mit jenen beschäftigenden, externe wissenschaftlichen Zugänge reflektiert, sondern auch sich selbst (Stichwort: Phantasma vom Phantasma).

Ad 1) Im Mittelpunkt der PT stehen Mensch und Psyche. Das Verständnis dessen, was mit Psyche gemeint ist, weist zwei typische Charakteristika auf:

Erstens: Es stellt den Versuch einer Vereinheitlichung dar, einen Versuch, Identitäten angesichts von Veränderung und Alterität zu etablieren. Diese Identitätsbildungen betreffen Individuen und Kollektive gleichermassen. Es ist deshalb zu kurz gegriffen, PT auf eine «Wissenschaft vom Subjektiven» (Pritz, 1996) zu reduzieren. PT findet vielmehr in einem medialen Milieu von Veränderung statt. In diesem Milieu bilden sich Identifizierungen in einem Spannungsfeld, aus dem sich Subjekt, Objekt etc. erst nachträglich als Pole herausschälen. Soll PT zur Neuorganisation des «Selbst- und Weltverhältnisses» beitragen, dann ist der Umgang mit und das Verständnis von Identifizierungen wesentlich, da es nicht egal ist, was jeweils unter Selbst, Welt oder Sinn verstanden wird. Vielfältigste Identifizierungen bestimmen nicht nur die impliziten und expliziten Glaubenshaltungen seelisch Leidender, sondern auch den persönlichen Hintergrund der TherapeutInnen sowie das Menschenbild einer bestimmten Psychotherapieschule. Unter diesem Aspekt sind auch externe wissenschaftliche Zugänge zur PT zu sehen.

Zweitens: Steht in der PT die Einbettung des Menschen in ein mediales Milieu im Zentrum, dann ist die anthropologische Frage Was ist der Mensch? in einem anthropomediologischen Sinn auszulegen: Der Mensch ist Medium in medialen Bezügen. Das Verständnis der Psyche ist folglich im Zusammenhang mit einem mehr oder weniger fassbaren Ganzen – dem Verhältnis von Mensch und Welt – zu sehen, dem sich besonders die Philosophie als Disziplin der Erschaffung von Begriffen und der Erkenntnis durch Begriffe verpflichtet weiss. Sie beginnt für viele dort, wo die Erfahrungs- oder Lebenswelt den Status einer letzten Bezugsinstanz der Erkenntnis verliert, und geht selbst aus Bedingungen hervor, die nicht-philosophisch sind, sondern auf Alterität verweisen. Sie ist damit auf die Idee eines Ganzen gerichtet, das nicht verfügbar ist, und stellt die Zusammenführung einer Grundlegung mit einer Orientierung im Leben dar. Begriffsarbeit, Grundlegung und Orientierung sind immer phantasmatisch durchtränkt. Das Phantasma wird nicht nur als bestimmter Inhalt, sondern auch als Rahmen (Form) verstanden, innerhalb dessen menschliches Leben und Begehren dargestellt wird. Es stellt einen Ontologisator (Burda, 2011) dar: eine Organisationsform, die als solche eine je spezifische «Welt» konstituiert.

Ad 2) Phantasmen sind auch im Hinblick auf erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Theorien entscheidend, da sie Ausgangspunkt, Methode und Ziel eines Ansatzes mitbestimmen.

Erkenntnistheoretische Ansätze (Formate) weisen historisch-klassisch zwei Grundorientierungen auf: Eine ist material, die andere mental verfasst. Beide Formate können ihr Primat nur um den Preis von Aporien behaupten. Dies bedeutet, dass keine Letztbegründung möglich ist, wie die Auseinandersetzung zwischen Dogmatismus und Skeptizismus aufweist: Alles könnte tatsächlich einer Täuschung entsprechen. Zu ergänzen ist nun, dass sich auch der Skeptizismus täuschen kann (Radikaler Skeptizismus). Wir können uns in unserem wissenschaftlichen Bemühen letztlich also nie sicher sein, ob wir uns täuschen oder nicht! Gerade aus dieser Erkenntnis des phantasmatischen Aufbaus jeglicher (also auch der skeptizistischen) Positionierung und der daraus folgenden Fragilität folgt jedoch keine Relativität, sondern eine Verantwortung für dasjenige, was als seiend projektiert wird und was nicht. Dabei wird relevant, dass buchstäblich alles – besonders auch das «Zwischen» der Psyche – medial aufgefasst werden kann. Eine Folge dieser Ansicht ist, dass der Mensch weder im Geist noch in der Materie aufgeht. Alles, was wir über das Mentale oder Materiale aussagen, wird als bereits medial vermittelt aufgefasst. So betrachtet sind wir immer «in» Medien (Immedialität).

Medien schwingen nicht nur «in» uns, sondern zwischen uns, im Zwischen der Psyche: Da Menschen Gefühle, Wahrnehmungen, Stimmungen, Gedanken, Sprache usw. miteinander teilen, kann das mediale Zwischen der Psyche als Selbstmedium aufgefasst werden, das heisst als Medium, in dem ständig Identifizierungen entstehen und vergehen (Dekonstitution): In diesem Prozess wird – individuell wie kollektiv – ein Selbst als Sinnmedium ausgebildet. An diesem Prozess sind physiologische Prozesse, Wahrnehmung, Fühlen, Denken usw. beteiligt. All diese «Medien» ereignen sich eingebettet in einen bestimmten historischen und sozio-kulturellen Background, eingebettet in Ideen, Diskurse, Narrative und Praktiken. All diese medialen Grössen formen das mit, was wir mit Sinn meinen. Sinn bildet sich deshalb immer in Auseinandersetzung mit diesem Background aus Kultur, Erziehung, Politik, Religion usw.; alle genannten Felder sind ihrerseits als Medien aufzufassen, die den Menschen bilden und zugleich etwas, das von ihm weitergebildet und differenziert wird. Bedenkt man die vorhin erwähnte Fragilität des in der Psyche gewobenen Zusammenhangs von Selbst und Welt – und die damit verbundene Unmöglichkeit, Sicherheit bezüglich einer letzten Wirklichkeit erlangen zu können –, dann erwachsen dadurch gerade kein Nihilismus oder Relativismus, sondern im Gegenteil ein Wissen um Verantwortung für das Unabschliessbare und Offene, in dem wir leben: ein Wissen von Verbundenheit aber auch von Begrenzung. Wir sind damit für den Raum, in dem wir leben (ethisch, politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich) ebenso verantwortlich wie für die Prinzipien und Werte, denen gemäss wir leben, da wir das mitgestalten, was uns gestaltet.

Menschen sind – und das ist in Bezug auf die psychotherapeutische Situation relevant – an einem ständigen Übersetzungsgeschehen mitbeteiligt. Psychotherapie lässt sich als professionelles Begleiten dieser Vermittlungs- und Übersetzungsprozesse, als eine Phänomediologie des Heilens und Forschens, verstehen. Was für den Menschen im Allgemeinen gilt, gilt also für TherapeutInnen im Besonderen: Man ist ebenso Medium der Veränderung und Selbstwerdung des anderen wie der andere das Me­dium der eigenen Veränderung und Selbstwerdung ist: Als Medium namens Mensch ist man medienbildend wie mediengebildet, eingebettet in das mediale Milieu der Psyche. Die so verstandene Psyche ist der «Boden», den sämtliche Psychotherapieformen miteinander teilen.

Zum Verhältnis von Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie

Lässt sich PT als Phänomediologie des Heilens und Forschens verstehen, dann ist PTW eine Phänomediologie dieser Phänomediologie und als solche eine Metatheorie mit einem eigenen erkenntnistheoretischen und ontologischen Hintergrund. Als eine Theorie zweiter Ordnung leistet PTW damit nicht nur die Reflexion der PT und diejenige anderer wissenschaftlicher Zugänge zur PT, sondern sie setzt im Vorfeld eine Reflexion ihrer eigenen Grundlage voraus. Während Erkenntnistheorie in einem allgemeinen Sinn die Logik von Erkenntnis untersucht, klärt Wissenschaftstheorie die Funktionsweise der besonderen Formen wissenschaftlicher Erkenntnis. Erkenntnistheoretisch gesehen wird ein radikal skeptizistischer, wissenschaftstheoretisch gesehen ein phänomediologischer Ansatz vertreten. Dabei ist auf eine besondere Problematik hinzuweisen: Der skeptizistische Ansatz impliziert einen methodischen Zugang zu den Forschungsgegenständen, der nicht phänomenologisch (etwas zeigt sich unmittelbar) sein kann. Dass alle Phänomene nur vermittelt adressierbar sind, könnte jedoch den Anschein eines inhärenten Widerspruchs erwecken: Kann ich nämlich weder behaupten, dass letztlich weder die Richtigkeit noch die Unrichtigkeit wissenschaftliche Zugänge verifizierbar ist (Radikaler Skeptizismus), dann dürfte eigentlich auch keine Mittelbarkeit behauptet werden, da man nie sicher sein kann, ob die Gegenstände nicht doch unmittelbar zugänglich sind. Dieser Einwand verliert jedoch dadurch an Gewicht, dass die Phänomediologie wissenschaftstheoretisch gesehen eine besondere Form von Erkenntnis unterstützt, die sehr wohl mit «Phänomenen» (Mediaten) arbeitet. Diese stellen nämlich den Ausgang und das Endprodukt einer phänomediologischen Untersuchung dar. Der Skeptizismus verlangt also einerseits zunächst nach jenem «Abstand» zum naiven Realismus, dem der Grundsatz der Medialität Rechnung trägt. Will er sich jedoch nicht selbst ad absurdum führen, dann verlangt er andererseits ebenso nach einem Abstand zu dem, was als naiver Konstruktivismus interpretiert werden könnte. Methodisch gesehen wird dieser Gradwanderung dadurch entsprochen, dass Phänomene, Sachverhalte usw. (Mediate) als Medien behandelt werden und vice versa. Der Medienbegriff fungiert dadurch als eine Art ontologische Klammer, die Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie miteinander verbindet.

Medium und Mediat in der PTW

Ich möchte abschliessend noch ein sehr allgemein gehaltenes Beispiel für die methodische Umsetzung des medialistischen Ansatzes im Rahmen psychotherapiewissenschaftlicher Forschung ergänzen: Nehmen wir als Ziel an, aus der Therapie eines psychotherapeutisch relevanten Phänomens (Mediat1) ein psychotherapiewissenschaftlich relevantes Ergebnis (MediatA) gewinnen zu wollen. Erster Schritt ist dabei die Dekonstitution des gewählten Mediats. Untersucht werden soll zum Beispiel ein bestimmter theoretischer oder praktischer Schwerpunkt (Mediat1) in einem bestimmten psychotherapiewissenschaftlich relevanten Diskurs oder einer entsprechenden Praxis. Um dieses Mediat einschliesslich der dahinterstehenden Wirklichkeitsauffassung zu dekonstituieren, müssen zunächst die phantasmatischen Vorannahmen des betreffenden Mediats geklärt und als Schnittraum imaginaler und imaginärer Phantasmen dargestellt werden. Im ersten Fall wird das Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit als Verbindung (Realismen), im zweiten als Trennung (Konstruktivismen) fantasiert. Das Mediat1 soll durch diesen methodischen Schritt der Klärung des Schnittraumes von Phantasmen in seiner Rolle als Medium(1) transparent werden können, das Veränderungen bewirkt.

Diese Vorgehensweise wird gegebenenfalls mit anderen Mediaten wiederholt. (Beispiele: Man untersucht divergierende Auffassungen zum Selbstbegriff, zum Traum, zur Psyche etc.). Dadurch werden weitere Mediate (M2, 3 … n) gewonnen. Wurden mehrere Mediate bearbeitet, so erhält man einen aus unterschiedlichen Schnitträumen (Psychoiden) gespeisten Cluster. Die psychotherapiewissenschaftliche Konstitutionsleistung und Reflexionsleistung, das MediatA, besteht darin, dieses Psychoid darzustellen, zu interpretieren und zu diskutieren. Das MediatA ist damit das eigentliche «Forschungsprodukt» der PTW, das durch seine Veröffentlichung auch anderen communities (Wissenschaftsdiskursen, PT-Richtungen) zur Verfügung stehen kann. Darauf aufbauend, können in weiteren, fakultativen Schritten neue Konstitutionen (Mediate) entstehen: Das MediatA hat dann – nun selbst als Medium im weiteren Sinne akzeptiert – die Bildung eines neuen Mediats angeregt. Das zunächst nur psychotherapiewissenschaftlich relevante Mediat kann dadurch zum Medium der Weiterbildung der Lehre zum Beispiel einer bestimmten Psychotherapierichtung werden. Für die entsprechende PT-Richtung bedeutet dies einen wichtigen Schritt in Richtung einer Theorie der 2. Ordnung, da die Selbstreflexion nun nicht mehr vor dem Hintergrund einer beliebigen externen Wissenschaft oder aus einer «Nabelschau» erfolgt, sondern vor demjenigen der PTW. Nach aussen hin bedeutet dieser Schritt zudem eine wichtige berufspolitische Abgrenzung und Stellungnahme sowohl anderen Disziplinen als auch politisch-ökonomischen Interessen und Ansprüchen gegenüber.

Literatur

Badiou, A. (2003). Ethik. Versuch über das Bewusstsein des Bösen. Wien: Turia & Kant.

Burda, G. (2008). Ethik. Raum-Gesetz-Begehren. Wien: Passagen.

Burda, G. (2010). Mediales Denken. Eine Phänomediologie. Wien: Passagen.

Burda, G. (2011). Passagen ins Sein. Eine Ontomediologie. Wien: Passagen.

Burda, G. (2012). Formate der Seele. Erkenntnistheoretische Grundlagen und ethische Implikationen der Allgemeinen Psychotherapiewissenschaft. Münster: Waxmann.

Burda, G. (2015). Tradition in Transition. Zugänge zum psychotherapeutischen Prozess. journals.sfu.ac.at

Burda, G. (2019). Pandora und die Metaphysica medialis. Psychotherapie – Wissenschaft – Philosophie. Münster: Waxmann.

Krämer, S. (2008). Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Lévinas, E. (1996). Ethik und Unendliches. Wien: Passagen.

McLuhan, M. (1992). Die magischen Kanäle: «Understanding Media». Düsseldorf: Verlag der Kunst Dresden.

Mersch, D. (2006). Medientheorien zur Einführung. Hamburg: Junius.

Pritz, A. (1996). Psychotherapie – eine neue Wissenschaft vom Menschen. Wien, New York: Springer.

Medium and mediate in psychotherapy and psychotherapy science

Abstract: The text compares a rigid and a dynamic approach to reality using the two terms mediate and medium. Media are not understood as beings or identities, but as self-differences or relations of connection and separation in an ontological sense. According to this medialist view, our reality(ies) only arise due the fact that self-differentiated media permanently mediatize each other. Starting from consciousness as a medium of realizing self-difference, it is shown how cognition comes about in the process. Examples from psychotherapy illustrate how the change process encompasses the inter- and intrapsychic. The idea that the concept of medium can serve as a bracket for all forms of psychotherapy is continued in the direction of psychotherapy science. This will be outlined in its main features.

Key words: medium, self-difference, psychotherapy, psychotherapy science, radical skepticism

Mezzo di mediazione ed ente mediato nella psicoterapia e nelle scienze psicoterapiche

Riassunto: Il testo pone a confronto i due tipi di approccio alla realtà statico e dinamico, sulla base dei concetti di ente mediato e mezzo di mediazione (Mediat e Medium). Quest’ultimo viene inteso non come essere o identità, ma come differenziazione del sé o come l’insieme dei rapporti di unione e separazione in senso ontologico. Secondo questa concezione di mediazione, le nostre realtà vengono create solo attraverso la mediatezza (mediatisieren) continua e reciproca dei mezzi di differenziazione del sé. Partendo dalla consapevolezza come mezzo della realizzazione della differenziazione del sé, viene mostrato come si arrivi alla conoscenza. Gli esempi provenienti dal campo della psicoterapia illustrano l’azione del processo di cambiamento a livello interpsichico e intrapsichico. L’idea secondo cui il concetto di mezzo possa servire come contenitore in cui rientrino tutte le diverse forme di psicoterapia viene ulteriormente sviluppata in direzione delle scienze psicoterapiche, che vengono descritte nei loro tratti salienti.

Parole chiave: mezzo, differenziazione del sé, psicoterapia, scienze psicoterapiche, scetticismo radicale

Der Autor

Gerhard Burda ist Philosoph, Psychotherapiewissenschaftler und Lehranalytiker der Österreichischen Gesellschaft für Analytische Psychologie.

Kontakt

PD Mag. DDr. Gerhard Burda
Penzinger Str. 69/111140 Wien, Austria
E-Mail: comger@gmx.at

1 Dieser erste Teil war ursprünglich ein Vortrag auf der Dreiländertagung der deutschsprachigen Jung-Gesellschaften in Wien 2012. Er wurde im Forschungsbulletin der SFU 2015 veröffentlicht und für den vorliegenden Text umgearbeitet.

2 Der Begriff taucht historisch zunächst bei Thomas von Aquin auf, der ihn in den Text De anima von Aristoteles einschmuggelt. Bei Aristoteles geht es darum, dass die Sinneswahrnehmung, etwa der Gesichtssinn, eines «Dazwischen», das heisst, eines notwendigen Abstands bedarf, damit Wahrnehmung überhaupt möglich ist.

3 Das wäre die Definition des Bewusstseins als Mediums des Realisierens von Selbst-Differenz in einem nicht-trivialen Sinn.

4 In diesem Zusammenhang gesehen, würde ich Psyche als Selbstmedium bezeichnen – als Medium der Ausbildung von Identität(en). Vom Selbst liesse sich dann – sowohl individuell als auch kollektiv – als Sinnmedium sprechen.

5 Erstmals veröffentlicht in Burda (2012).

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