Buchbesprechung

Ulfried Geuter (2018). Praxis Körperpsychotherapie. 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess

Berlin: Springer. ISBN: 978-3-662-56596-4. 508 S., 44,99 EUR

Aus den vielen Solostimmen der Körperpsychotherapie einen Chor zu formen, in dem die unterschiedlichen Qualitäten der Einzelnen zu etwas Ganzem zusammengefügt werden, bezeichnet der Autor als eines der Ziele seines Buches Praxis Körperpsychotherapie. Es gehe darum, das reiche praktische Erbe der Schulen in eine übergreifende Konzeption der Praxis zu integrieren.

Mit einer beeindruckenden Literaturrecherche verschaffte sich der Autor einen Überblick über das weite Spektrum der körperpsychotherapeutischen Publikationen. Daraus filterte er zehn «Prozessprinzipien der Praxis» heraus, die untereinander verwoben sind, aber unterschiedliche Akzente setzen. Mit diesem Konzept der zehn Prozessprinzipien – später im Buch als «die spezifischen Wirkfaktoren der Körperpsychotherapie» bezeichnet (S. 424) – gelingt es ihm, eine «Praxis der Körperpsychotherapie» zu entwerfen, bei der die unterschiedlichen Charismen der Schulen weitgehend integriert und so auch als Fundus gewahrt bleiben. Welch kreativer Wurf, Körperpsychotherapie nicht von den angewandten Techniken, sondern von den Wirkfaktoren her zu beschreiben!

Die Prozessprinzipien oder Wirkfaktoren – «Wahrnehmen und Spüren», «Gewahrsein und Gegenwart», «Erkunden und Entdecken», «Aktivieren und Ausdrücken», «Regulieren und Modulieren», «Zentrieren und Erden», «Berühren und Halten», «Inszenieren und Interagieren», «Verkörpern und Handeln», «Reorganisieren und Transformieren» – können nur dann greifen, wenn therapeutische Prozesse als eine Suchbewegung verstanden werden, in der Patient*in und Therapeut*in gemeinsam einen Weg gehen. Ziel dieses Weges ist, «habituierte Muster des Erlebens so zu verändern, dass an die Stelle Leid erzeugender Muster neue, zu den Bedürfnissen und der Lebenssituation besser passende Muster treten» (ebd.).

Wie ein roter Faden zieht sich durch das ganze Buch die Überzeugung, dass Körperpsychotherapie eine relationale Therapieform sein muss, in der zwei (oder mehrere) Organismen andauernd – bewusst und unbewusst – miteinander kommunizieren. Ein ganzer Abschnitt (S. 395–419) ist ausdrücklich der therapeutischen Beziehung, ein anderer (S. 371–393) der Rolle der Sprache in der Körperpsychotherapie gewidmet. In vielen Therapiebeispielen illustriert der Autor, wie er mit körperlichen Resonanzphänomenen – er nennt diese «verkörperte Beziehung» – arbeitet. Er stellt seine körperliche Resonanz Patient*innen zur Verfügung, indem er offenlegt, was er wahrnimmt, um auf diese Weise in die Suchbewegung mit seinen Patient*innen einzutreten. Dieses Therapieverständnis unterscheidet letztendlich Körperpsychotherapie von Körpertherapien.

Ulfried Geuter versteht sein Buch nicht als ein «To-do-Manual». Das trifft insofern zu, als dass er nur selten störungsspezifische Behandlungspläne beschreibt. In Therapiebeispielen aber – aus eigener Erfahrung oder von anderer Stelle zitiert – zeigt er auf, wie er auf inspirierende Weise körperpsychotherapeutisch arbeitet. Er möchte seinen Patient*innen helfen, sich neue, korrigierende Erfahrungen und neue Wahrnehmungen zu erschliessen.

Das Studium dieses Buches hat mein Verständnis der Prozesse – was tue ich mit welcher Intention und in welcher Intensität – geschärft und mein technisches und prozedurales Repertoire erweitert. Ich nenne als Beispiel die Unterscheidung von Basisemotionen wie Angst, Trauer, Wut, Ekel, Freude und selbstreflexiven Emotionen wie Scham und Schuld:

«Scham ist mehr als andere Emotionen im Körperausdruck präsent. Körperliche Expressivität zu fördern kann daher ein Mittel sein, um Menschen mit einer tiefen Schamproblematik aus ihrer Erstarrung herauszuhelfen, nicht zuletzt, weil tiefe Schamschmerzen die ‹expansive Lebenskraft› unterbinden. Für eine Arbeit mit selbstreflexiven Emotionen bietet sich aber von den körperpsychotherapeutischen Prinzipien am ehesten das szenische Arbeiten an. Bei Eifersucht, Neid oder Schuld benötigen wir meist das Prinzip der Klärung» (S. 171f.).

Und dann zieht der Autor den Schluss:

«Wichtig ist nicht die emotionale Ausdruckhandlung, zum Beispiel Schlagen bei Wut, Schreien bei Schmerz oder Weinen bei Trauer, sondern dass der Patient ein Geschehen tief erlebt und mit Bedeutung versieht» (S. 173).

«In der Körperpsychotherapie möchten wir nicht nur Spannung regulieren, sondern auch erfahren, was in ihr gebunden ist» (S. 227).

Ulfried Geuter argumentiert, erklärt, begründet, bezieht Stellung und manchmal wird spürbar, wie er um Antworten ringt. Zum Thema Katharsis und Abreaktion (S. 186–191) nimmt er Bezug zu Äusserungen einer wahren Vielzahl an Autor*innen, ehe er festhält:

«Kathartische Prozesse dienen dazu, in einem Zustand erhöhter Intensität affektmotorischer Erregung die Bedeutung eines Erlebens tiefer zu erschliessen» (S. 188).

«Da kathartische Prozesse begrenzende Strukturen auflösen, dürfen sie nicht bei traumatisierten Patienten ini­tiiert werden, die keine Kontrolle über ein Geschehen wahren können» (S. 189).

Am Ende seines Buches (S. 439–450) widmet der Autor ein Kapitel der Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Körperpsychotherapie mit besonderem Bezug zu den einzelnen Wirkfaktoren. Er schliesst damit, es spreche

«inzwischen doch eine ansehnliche Zahl von empirischen Untersuchungen dafür, dass die Anwendung körperpsychotherapeutischer Prinzipien und Methoden eine Wirkung erzielt, die der Anwendung anderer, als evidenzbasiert geltender Verfahren vergleichbar ist» (S. 450).

Praxis Körperpsychotherapie ist ein anspruchsvolles, reichhaltiges und dennoch gut lesbares Buch. Eine Lektüre der Publikation Körperpsychotherapie: Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis (2015) des gleichen Autors ist nicht Voraussetzung, um der Praxis Körperpsychotherapie folgen zu können. Sollte sich jedoch das Bedürfnis nach Vertiefung aufdrängen, gibt es dort, wo es angebracht ist, auch Hinweise auf jenes Buch von 2015.

Ich möchte diese Publikation zuerst jenen zur Pflichtlektüre empfehlen, die in der körperpsychotherapeutischen Aus- oder Weiterbildung tätig sind, dann aber auch grundsätzlich allen, die körperpsychotherapeutisch arbeiten oder einfach gern erfahren möchten, was mit Körperpsychotherapie eigentlich gemeint ist. Das Buch spricht alle relevanten Themen der Körperpsychotherapie an, ermöglicht einen Überblick über die vielfältigen körperpsychotherapeutischen Ansätze und deren Intentionen, schärft die Wahrnehmung und Differenzierung und begründet, was mit welchen Interventionen erreicht werden kann. Gleichzeitig lässt es den Lesenden aber Raum für eigene Schwerpunktsetzungen. Ideologische Voreingenommenheit ist dem Autor fremd.

Mir scheint, es ist Ulfried Geuter auf grossartige Weise gelungen, aus den vielen Solostimmen der Körperpsychotherapie einen polyphonen Chor zu formen.

Hugo Steinmann

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