Der Hebel des Archimedes

Die Philosophie der Psychotherapie – Das Werkzeug des «Denkens»

Dan Bloom

Einführung

«Gebt mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde.»

Archimedes (zit. n. Heath, 1953, S. xix)1

«Alle Wissenschaft ist Philosophie, mag sie es wissen und wollen – oder nicht. Alle Wissenschaft bleibt jenem Anfang der Philosophie verhaftet. […] Aus ihr zieht sie die Kraft ihres Wesensgehalts, in der Annahme, dass sie noch immer ihrem Anfang gleicht.»

Heidegger (1985, S. 14)

Philosophie und Psychotherapie haben eine natürliche Nähe. Ein kurzer historischer Abriss zeigt, dass beide etwas mit der Philosophie in dem von Sokrates untersuchten Leben gemein haben (Apologia, Platon, 38a). Welche psychotherapeutischen Modalitäten beziehen Philosophie nicht in ihren Theorieaufbau und ihre Praxis ein? Man betrachte nur die zeitgenössische Psychotherapie. Ob der Ansatz psychoanalytisch ist, sich auf kognitives Verhalten oder die Gestaltpsychologie stützt oder existentiell-phänomenologisch ist, er beinhaltet nahtlos Philosophie zur Begründung und Entwicklung der Arbeit. Beispiele sind leicht gefunden. Philosoph*innen wie Maurice Merleau-Ponty, Martin Buber, Matthew Ratcliffe und Judith Butler führen Psychotherapie in ihre Arbeiten ein und bei Psychotherapeut*innen wie Karl Jaspers, Donna Orange, Eugene Gendlin und Gianni Francesetti2 wiederum ist Philosophie ein intrinsischer Bestandteil ihrer Arbeit. Sieht man sich wahllos Inhaltsangaben in Büchern und Artikeln in vielen unserer Modalitäten an, so wird man sehr wahrscheinlich Philosoph*innen an prominenter Stelle aufgeführt sehen. Konferenzen wie die alle zwei Jahre in Cambridge, Massachusetts stattfindende «Psychology and the Other Conference» unterscheiden nicht zwischen den Disziplinen. Die Linie, die Psychotherapie und Philosophie trennt, ist kaum eine, und dennoch spricht man von den beiden, als gäbe es eine. Es ist eine Trennlinie, die willkürlich gezogen ist. Ich beginne mit dieser offensichtlichen Tatsache und treibe sie weiter, um eine weitere Dimension zu erwägen, eine mögliche «Philosophie der Psychotherapie».

Erst vor Kurzem haben die Gestalttherapie-Institute in New York City eine inter-institutionelle Konferenz, die «Gestalt Approaches to Psychopathology» abgehalten. Wir haben das Dilemma eines Arbeitens diskutiert, das ausserhalb des psychodynamischen Paradigmas, aber innerhalb der allgemeineren klinischen Welt stattfindet, die die Psychotherapie als diagnostische Kategorien und Sozio-Verhaltensnormen sieht, eine Betrachtungsweise, die im Gegensatz zu den Werten der Gestalttherapie steht (Bloom, 2003). Ich war einer kleinen Gruppe mit anderen Gestalttherapeut*innen zugeteilt. Wir wurden gefragt, wie das Verhältnis von Theorie zu unserer Arbeit ist. Ein Gruppenmitglied sagte selbstbewusst: «Ich denke nie.» Sie könnte gemeint haben, dass sie während ihrer therapeutischen Arbeit nicht nachdenkt. Dann wäre an ihrer Aussage nichts Bemerkenswertes gewesen. So, wie sie sich aber in diesem Moment der Gruppe präsentierte, meinte sie jedoch etwas Aggressiveres. Es war erstaunlich zu hören, dass eine Psychotherapeutin sagt und glaubt, dass sie «nie denkt», da ja das Denken, dass man nicht denkt, natürlich ein Gedanke ist.3 Aber auch darüber hinaus negiert dieser nihilistische Gedanke schon die schiere Möglichkeit des Hintergrundwissens der klinischen Ausbildung, von Erfahrung, Supervision und des Verstehens, die aktiv im klinischen Wissen enthalten sind, was wiederum unser Auge schärft und unser klinisches Verhalten in jeder klinischen Situation leitet. Genau genommen stammt so ein Gedanke aus einem falschen Verständnis der Natur der Psychotherapie als einer Praxis, in der diese und die Philosophie eine ganzheitliche, menschliche, durchdachte Antwort zum In-der-Welt-sein darstellen – eine Philosophie. Ich werde dies hier untersuchen. Das Folgende ist keine Untersuchung von Philosophie und Psychotherapie, sondern es sind Überlegungen zum Denken, das die Philosophie darstellt, die wir in unserer Arbeit als Psychotherapeuten praktizieren.

Eine Art, über das Denken zu denken

Menschen haben immer ein Bedürfnis, das sie befriedigen möchten. Das Leben ist irritierend. Wir fühlen uns an unserem Platz in der Welt nicht wohl. Bisweilen begegnen wir diesem irritierenden Unbehagen mit einer Frage und befriedigen diese mit einer Antwort. Wir beruhigen und trösten uns mit Erklärungen und Gründen. Welche Erfahrung hat den Philosophen René Descartes (1596–1650) dazu motiviert, seine Existenz zu hinterfragen und dann zu antworten: «Cogito ergo sum»/»Ich denke, also bin ich»? Vielleicht war ihm sein Platz in der Welt so unangenehm, dass er sich eine Reihe von Fragen stellte, die nach einem sicheren, existenziellen Boden suchten, auf dem man stehen kann, und die diesen Boden auch fanden (Descartes, 1641). Die Philosophie reagiert auf das Unbehagen, dass man etwas Wesentliches nicht weiss, mit dem Stellen von Fragen, um zufriedenstellende Antworten zu erhalten. Dementsprechend reagiert die Psychotherapie auf eine andere Art von Unbehagen – ein menschliches Leiden. Philosophie und Psychotherapie sind zwei Arten oder Techniken, mit Hilfe derer wir Befriedigung finden, beruhigen, trösten oder heilen wollen. Sie sind auch verbindende Prozesse beim Herstellen von Sinn. Sie sind ein Gestus, mit dem der Sinn des Lebens in einem breiten menschlichen Kontext oder «Horizont» erkannt wird (Husserl, 1970a, S. 358). Beide sind Ausgestaltungen menschlichen Wirkens.

Unter anderem ist das «Denken», so wie ich es verstehe, eine Technik, die uns hilft, in einer Welt der Eindrücke, von Sinn und Bedeutung, von A nach B und dann wieder von B nach A zu kommen. Ich meine hier kein abstrahierendes oder entkörperlichtes Nachsinnen, sondern Denken als engagierten Prozess des Verstehens, obwohl hier sicher auch Raum für abstraktes Denken ist. Als eine Art des praktischen Vollziehens von Verstehen ist Denken ein archimedischer Hebel, mit dem wir so viel von der Welt bewegen, wie wir können, je nachdem, wo wir stehen. Denken ist eine Art, die Welt mit technê (Fertigkeit) und episteme (Wissen) zu verbinden, um sophia (Weisheit) zu erlangen. Philosophie und Psychotherapie sind Arten zu denken, wobei Psychotherapie eine Praxis ist, die auf menschliches Leiden ausgerichtet ist. Sie ist eine klinische Phrenesie – oder eine konkrete Einschaltung von Weisheit gegenüber menschlichem Leiden.

Und so, ob uns dies bewusst ist oder nicht, ist jede*r von uns Psychotherapeut*innen ein*e Philosoph*in. Zudem hat Psychotherapie eine Erkenntnistheorie, eine Seinslehre, eine Ästhetik und eine Phänomenologie (Bloom, 2019; Crocker, 2009). Ob wir wollen oder nicht, es haben alle Psychotherapien eine Theorie zur menschlichen Natur – eine philosophische Anthropologie wie auch ein Ethik- und Wertesystem sowie ein System der Wahrheit und des Guten (siehe zum Beispiel Perls et al., 1951). In einem gewissen Sinn haben wir mit vielen Philosophien und Religionen eine inoffizielle Schöpfungsgeschichte und einen «Sündenfallmythos» mit einem Drama, in dem es um Gnade, Wiedergutmachung und Rettung geht (Mulhall, 2005), gemein. Möglicherweise haben wir im Fall der Psychotherapie eine Entwicklungstheorie und Begriffe der Dysfunktionsursachenforschung als eine Schöpfungsgeschichte und Behandlungsmethoden und Symptomlinderung als unsere Version von Leiden und Wiedergutmachung.

Unabhängig davon, ob unser Modell im Wesentlichen darin liegt, dass wir das Unbewusste ins Bewusstsein bringen, dass ermöglicht wird, dass man von fixen Gestalten ablassen kann oder dass unangepasstes Verhalten und kognitive Schemata verändert werden: Wir haben eine Vorstellung vom optimalen Funktionieren. Dies sind unsere Versionen eines Gelobten Landes am Ende einer erfolgreichen Behandlung.

Unsere klinischen Ansätze beinhalten den impliziten philosophischen Versuch, diese essenziellen Bedenken als menschliche Werte, Personsein, Intersubjektivität, Sozialität, Verantwortlichkeit, Selbst und Ethik zu artikulieren. Wir benennen sie in klinische Begriffe um. Dennoch sind unsere Begriffe ohne grosse Mühe als ethische Begriffe zu erkennen (Goodman & Severson, 2016). Ob uns dies bewusst ist oder nicht, wir sind alle klinische Philosoph*innen.

Um wieder auf meine Kollegin in jener kleinen Gruppe zurückzukommen: «Ich denke nie» ist nicht einfach nur ein Fehler. Es stellt eine quasi- oder unvollständige klinische Haltung dar, die dazu führen kann, dass wir nicht wahrnehmen, dass es eine Welt innerhalb jeder klinischen Sitzung und darum herum gibt. Dies ist die Philosophie der Psychotherapie in unserer Arbeit und der Gemeinschaft, in der wir arbeiten. Indem wir unser Verständnis der Philosophie der Psychotherapie, unser Denken, erweitern, nähren wir das Wissen und das praktische Engagement unserer klinischen Praxis. Zudem sollten wir auf die Philosoph*innen hören, die im Hintergrundchor der menschlichen Weisheit singen – und diejenigen aus dem Chor auswählen, deren Stimme den bedeutungsvollsten Widerhall bei uns finden (Orange, 2009). «Ich denke nie» ist willentliche Taubheit.

Es gereicht uns zur Ehre, wenn wir direkt anerkennen, dass unsere Arbeit an und für sich eine eindringliche Übung in Philosophie als Psychotherapie ist. Es ist das Denken, das die Psychotherapie in die Welt der Personen einbezieht und infolgedessen sicherstellt, dass unsere Arbeit in der menschlichen Situation lebt. «[Wir] können in dem Sinne denken, dass [… wir] die Möglichkeit dazu haben. Allein dieses Mögliche verbürgt uns noch nicht, dass wir es vermögen. Denn wir vermögen nur das, was wir mögen» (Heidegger, 1972, S. 3; Herv. d. A.). Im Folgendem gehe ich kurz auf das Denken4 ein, zu dem die Psychotherapie in einer «menschlichen, der Welt zugewandten Haltung» «geneigt ist» (Husserl, 1970a).

Die denkende Denkweise

«In das, was Denken heisst, gelangen wir, wenn wir selbst denken. Damit ein solcher Versuch glückt, müssen wir bereit sein, das Denken zu lernen. [… M]ensch heisst doch der, der denken kann – und das mit Recht. Als das vernünftige Lebewesen muss der Mensch denken können, wenn er nur will. […] Der Mensch kann denken, insofern er die Möglichkeit dazu hat. Allein dieses Mögliche verbürgt uns noch nicht, dass wir es vermögen. Denn wir vermögen nur das, was wir mögen.»

Heidegger (1972, S. 3)

Was ist das Denken, das die Psychotherapie denkt? Die Diversität unseres Gebiets verweigert eine definitive Antwort. Ganz klar wird Psychotherapie einerseits als eine empirische Wissenschaft praktiziert. Einige Theorien der Psychotherapie werden auch durch robuste Wissenschaft gestützt – Neurobiologie (Schore, 1994; Porges, 2011), Physiologie, Biologie und so weiter. Einige psychotherapeutische Modalitäten basieren auf kognitiver und verhaltensbezogener Wissenschaft (Beck & Rush, 1979; Gallagher & Zahavi, 2008). Menschliches Verhalten ist nach bio-physischer und verhaltensbezogener Wissenschaft erklärbar: Was kann gemessen, analysiert, mathematisiert und aus der Perspektive eines Dritten betrachtet werden. Dies hat die quantitative Forschungsmethode der Wissenschaft gestützt, die immer erforderlicher wird, da von der Psychotherapie gefordert wird, die Evidenzbasis für Behandlungsergebnisse offenzulegen. Andererseits gibt es humanistische Ansätze, die subjektive Erfahrungen, Werte, Sinnstiftung und Konzepte des Personseins in den Vordergrund stellen, die im Sinne der Selbstwahrnehmung, also aus der Ich-Perspektive qualitativ und phänomenologisch untersucht werden (Brownell, 2019; Giorgi, 1985).

Diese zwei Ansätze, die quantitative aus der Sicht eines Dritten und die qualitative aus der Ich-Perspektive, überschneiden sich. Jede Iteration einer Psychotherapie­modalität ist ein Ausdruck ihrer eigenen Perspektive, Philosophie und Annahmen. Vereinfacht gesagt ist ein neurobiologischer Ansatz eine bedachte Geste aus einer materialistischen Prämisse. Ein existenzieller oder psychoanalytischer Behandlungsrahmen wird durch eine phänomenale Prämisse gestützt, also durch verlässliche Ich-Erfahrung. Dennoch gibt es nur wenige, die ihre Modalitätskonzepte bei den Extremen ansetzen. Die Überlappung ist öfter der Fall. Und trotzdem ist das Denken, wie ich dies hier darlege, das den psychotherapeutischen Gestus darstellt, unabhängig davon, welche Form der Gestus annimmt, ein Denken, das zentral auf Menschlichkeit gründet. Das Denken, das Psychotherapie ist, hat mit der Philosophie einen Schöpfungsmythos gemeinsam.

Die Geschichte des Thales – fortgeschrieben

Thales von Milet, der im 5. Jahrhundert vor Christus lebte und wirkte, ist allgemein bekannt als der erste westliche Philosoph. Die Philosophie, so sagt man, habe mit einem Staunen begonnen, da Thales voller Bewunderung in die Sterne blickend einen Brunnen übersah – und hineinfiel. Wir können uns lebhaft vorstellen, wie er den Mond bewundert und sich «Was ist das?» fragte, bevor er stolperte. Er rappelte sich wieder auf, sah dann auf und studierte erneut den Himmel, sah den Mond und schloss, dass der Himmel nicht der heilige Himmel der hellenischen Götter war.

Thales war kein Philosoph, der zu abstrakten Mutmassungen neigte, sondern Mathematiker und ein erfahrener Astronom. Sein Staunen führte zum Beispiel zur Vorhersage einer Eklipse. Er war der erste Denker, der das mythologische Narrativ mit philosophischen, rationalen, systematischen Überlegungen ersetzte (Kirk et al., 1983, S. 99). Dennoch weist der Umstand, dass er den Schritt von einer mythologischen Erklärung hin zu einem praktischen Konzept machte, darauf hin, dass er ein Philosoph war, der sich der Vernunft bediente, um Prinzipien der natürlichen Welt aus dem, was er sah, abzuleiten. Thales war voller Staunen, Neugierde, Interesse und Faszination in Bezug auf den Mond; und all dies motivierte ihn, die natürliche Welt mit dem Verstand erfassen zu wollen. In Platons Bericht sagt Sokrates:

«Während er die Sterne studierte und nach oben sah, fiel er in eine Grube und wurde, so geht die Sage, von einer hübschen und schlauen thrakischen Magd verspottet, weil er so erpicht war, die Dinge im Himmel zu verstehen, dass er nicht sehen konnte, was direkt vor seinen Füssen war» (Platon, 2002, 174a).

Wir könnten uns auch eine andere Version der Geschichte vorstellen, die dem näher liegt, was uns Psychotherapeut*innen vertraut ist – und die uns eine Geschichte der Geburt der Psychotherapie erzählt. Was, wenn Thales am Himmel nach einem Hinweis auf Zeus und seine Götterfamilie gesucht, aber nur kleine Lichtpunkte gesehen hätte, die wahllos vor einem dunklen Hintergrund und einer leuchtenden Kugel, dem Mond, gesprenkelt waren? Er hätte geseufzt und vor sich hin gemurmelt: «Nur das? Keine Götter?» Und dann wäre er in das Loch gefallen und hätte den Spott der Magd gehört.

Herausgerissen aus seiner Suche nach Zeus im Himmel durch dieses Loch und noch weiter auf die Erde zurückgeholt durch den Spott der Magd, wurde die «Was ist das?»-Neugier in Bezug auf den Himmel zu etwas anderem.

«Nur das? Und keine Götter?» Und dann, mit erneutem Blick auf den Mond: «Wow, ich frage mich, was das ist …» Thales erste Reaktionen auf diesen nächtlichen ionischen Himmel, der zwar voller Sterne, aber ohne Götter war, waren Enttäuschung und dann Staunen. Die Philosophie hätte dann mit einer Enttäuschung begonnen, wie Professor Simon Critchley annimmt (persönliche Kommunikation, April 2016), die Psychotherapie mit Staunen.

Staunen und Enttäuschung. Beides Geistesverfassungen. Sie sind Affekte mit unterschiedlichen Vektoren, unterschiedlichen Ausrichtungen des Fokus, aber nicht nur das. Staunen weist mit einer Art positiver Neugier und Interesse zu seinem Gegenstand. Es motiviert zum Nachforschen. In der Regel zeigt der Enttäuschungsvektor nach innen, hin zum Kollaps. In dieser Hinsicht hat er eine nach innen gerichtete Eigenschaft. Normalerweise nähert man sich dem Gegenstand der Enttäuschung nicht an oder er gelangt nicht in den Fokus. Thales möchte den Mond aber verstehen. In der Enttäuschung ist er nach innen gerichtet. Es kann sein, dass Thales über seine Enttäuschung und deren Bedeutung nachdenkt. Wir können uns seine Gedanken vorstellen: «Was hätte ich erwarten können? Götter? Es waren keine da …» Und so verwarf er schnell die Mythologie und entwickelte seine eigene Philosophie zum Himmel – basierend auf Beobachtung. Sein Staunen führte ihn zur Beobachtung des Mondes, der sich am Himmel bewegt und so weiter – was er, so vermuten wir, als Astronom tat. Diese Reaktionen waren Arten, die Welt so zu nehmen, wie sie sich zeigte und erfahren wurde: Staunen führte zu Beobachtung; Enttäuschung zu Reflexion oder sogar zur Innenschau. Es gibt zwei Gedankenstränge: Beobachtung und Selbstbeobachtung – Überlegungen über die objektive und die subjektive Welt. Diese sind Teil des Denkens, das in der Philosophie der Psychotherapie inbegriffen ist.

Ein kurzer geschichtlicher Abriss?

Platon hat Schriften zu Ethik, Politik, Geometrie, Arithmetik und Astronomie verfasst. Aristoteles hat Überlegungen angestellt zu Poesie, Politik, Logik, Mathematik, Botanik, Physik, Ethik und Metaphysik. Die aristotelische Weltsicht war über Jahrhunderte die Vorlage für einen grossen Teil der Struktur des westlichen Denkens. Die wissenschaftliche Revolution rüttelte die Weltsicht der Philosophie, wie allgemein bekannt ist, auf. Newton, Galileo, Kopernikus führten die wissenschaftliche Revolution an und fochten die mittelalterlichen aristotelischen Annahmen über die Welt an. Sie waren Philosophen, die auf den philosophischen Arbeiten von Thales, Euklid, Archimedes, Pythagoras und anderen Geo- und Mathematikern sowie Naturphilosophen, die die Welt beobachteten, aufbauten. Was zudem wichtig ist: Dies waren alles sowohl Überlegungen zur messbaren, mathematisierbaren und berechenbaren «externen Welt» wie auch Grundsätze, die sie von feststellbaren Daten abgeleitet hatten und nicht von althergebrachten Anschauungen. Ihre Arbeit führte zur Entwicklung der empirischen Methode – dem Vertrauen auf quantifizierbare, messbare und dann berechenbare Fakten der externen, materiellen Welt.

Thales Staunen über den Mond wurde revolutionär weitergedacht. Ursache und Wirkung wurden zur Vorlage dafür, wie die Welt organisiert werden kann. Ein mechanistisches Weltbild, das von den newtonschen Gesetzen der Physik geleitet ist, wurde zur Vorlage für die Organisation der Welt. Die Beobachtungen und die Berechnungen von Kopernikus nahmen die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums (die «kopernikanische Revolution») und Galileo setzte die Sterne und den Mond in Bewegung. Nun können wir zu Thales sagen: «Ja, natürlich ist das der Mond, Thales. Er ist ein körperlicher Gegenstand mit Masse und Geschwindigkeit und er bewegt sich in einer Umlaufbahn um die sich drehende, sich ebenfalls in einer Umlaufbahn bewegende Erde.»

Was aber wird aus der Welt, in der sich Thales Enttäuschung bzw. seine Erwartung abspielte, dass der Himmel mit hellenischen Göttern bevölkert sei? Was ist mit der Welt, die nur über Reflexion zugänglich ist? Die Welt der geistigen Phänomene, der Ich-Erfahrungen? Kann man diese Welt mit denselben Kräften des Verstandes betrachten, die Philosophen in die beobachtbare Welt brachten? Die Struktur von Erfahrung und Wissen könnte ein zentrales Thema in der Philosophie und im Denken werden, das der Psychotherapie innewohnt.

Es ist der Mond, es ist nur der Mond: Und «ergo sum»

René Descartes nutzte die deduktive Methode der Wissenschaften, um seinen eigenen Geist und die Grundlage des Wissens «unabhängig von den Sinnen» zu erforschen, in dem er seine inneren Erfahrungen beobachtete und seine Beobachtungen systematisch infrage stellte. Was konnte er sicher wissen? Das heisst, was konnte man ohne einen Zweifel wissen? Genau gesagt, was konnte man zweifellos wissen? Er konnte etwa seine Wahrnehmung der Materie anzweifeln, da seine Sinne offensichtlich leicht getäuscht werden konnten. Aber anders als die Existenz von Materie oder als seine Wahrnehmung der äusseren Welt, konnte er sein Anzweifeln nicht infrage stellen. «Ich bin» ist nicht anzweifelbar. Und fortan wird der berüchtigte kartesische Geist/Körper-Dualismus aus der descartesschen Introspektion hergeleitet und in der wissenschaftlichen Weltsicht eines «Naturphilosophen» verstanden.5 Die äussere Welt ist das Reich naturbezogener Wissenschaftler*innen und der Geist kann nun einer anderen Art von Reflexion unterzogen werden. «Dort beginnt Descartes eine völlig neue Art des Philosophierens, die ihr ultimatives Fundament im Subjektiven hat», und was sich «als ein legitimes Fach innerhalb der Wissenschaften, das heisst, in der Psychologie» fortsetzte (Husserl, 1970a, S. 81).

Vom Verstand zu den Sinnen

Die Empiristen John Locke (1632–1704) und David Hume (1711–1776) interessierten sich für die Natur der Erfahrung, des Wissens, des Verstehens und des Verstandes. Wie wirkt sich die materielle, vernünftige Welt auf das aus, was wir als Verstand kennen? Ist, was wir wissen, die Konsequenz dessen, was durch Erfahrung auf ein passives unbeschriebenes Blatt des Geistes eingeschrieben ist, oder ist das, was wir wissen, die Folge einer Reihe von Erfahrungen? In beiden Fällen kann ich das Objekt einer Introspektion sein. Ich bin ein menschliches Subjekt, das damit enttäuscht werden kann, dass der Mond nicht den Himmel des Zeus erhellt. Meine Subjektivität, mein Geist sind empirisch und passiv ausgestaltet. Regeln zu Ursache und Wirkung und Materialität – Rationalität – haben die Vorherrschaft. Geisteszustände haben eine Ursache.

Was wird aus Thales Enttäuschung, jetzt, wo wir eine Erklärung für sein Staunen haben? Gefühle können verstanden werden im Sinne von Empfindungen, einer vernünftigen Einsicht als Reaktion.6 All das kann mittels unfehlbarer Regeln der Vernunft von Sinnesdaten verstanden und von diesen abgeleitet werden. Ist Thales Enttäuschung lediglich die Folge einer Ursache?

Vom Standpunkt eines Philosophen der Aufklärung, der mit der Ethik des freien Willens, Notwendigkeit, menschlicher Wahlmöglichkeit und Verantwortung ringt, stellte das Konzept eines passiven Geistes eine Herausforderung dar – wenn nicht sogar eine Bedrohung. Vom Standpunkt einer Philosophie der Psychotherapie, in der dieselben Anliegen wesentliche Werte darstellen, ist es entscheidend, wie diese behandelt werden. Psychotherapie braucht eine Grundlage, aufgrund der sie Thales Enttäuschung ernst nehmen kann.

Die Person als Subjekt – Geist, Seele, Selbst

«Erfahrung ist zweifelsohne das erste Produkt, das unser Verstand hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen bearbeitet.»

Kant (2009, S. 127)

Kants kopernikanische Revolution

Emmanuel Kant (1742–1804) schrieb in seinen Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, «die Erinnerung des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andre Richtung gab» (Kant, 2004, S. 10). Unter anderem7 ist sein Vorhaben eine Antwort auf Skeptizismus und Empirismus im Sinne einer Theorie des Verstehens, die den Skeptizismus berücksichtigt, dem Wissen aber keine passive Funktion zuweist. Wissen ist kein passives, unbeschriebenes Blatt, in das Erfahrung lediglich eingeschrieben ist. Vielmehr ist Erfahrung8 ein aktives Agens des Wissens und des Weltmachens aus eigenem Recht. Kant focht den humeschen Skeptizismus und den Empirismus Lockes in dem, was als zweite kopernikanische Revolution genannt wurde, an. Unser Verstehen ist nicht einfach das Ergebnis unserer Sinne, sondern eine Funktion unseres Vorwissens, einem Wissen vor der Erfahrung. Unser vorab erfahrenes Wissen von Ursache und Wirkung, Raum und Zeit, zum Beispiel, organisiert Wahrnehmungen in ein bedeutungsvolles Verstehen und ist nicht die passive Konsequenz dessen, was wir beobachten. Es gibt Wissen aus der Erfahrung der Vernunftwelt und es gibt Wissen vor der Erfahrung, dass das, was vernunftmässig gegeben ist, organisiert, formt und zusammenfasst. Und die Vernunft selbst? Sie gibt uns einen wichtigen Pfad zum Verstehen der Welt. Und dennoch ist Wahrnehmung gleichzeitig eine weitere Quelle für Wissen. Es gibt ein aktives Subjekt und damit ein Selbst, das ernsthaft berücksichtigt werden muss. Jetzt, da die Philosophie eine berechtigte Basis für ein aktives Verstehen hat, ein Subjekt, das wir aus sich heraus identifizieren können, wie ein menschliches Ich als ein aktives Agens, das rational gerechtfertigt ist.

Kant hat den Empirismus nicht angefochten, sondern eine Philosophie angeboten, die die Koexistenz des Empirismus mit einem menschlichen Ich rechtfertigt; und damit das Fundament für die Romantik gelegt, eine philosophische Bewegung, in der Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) schreiben konnte:

«Ich entledige mich der Natur in ihrer Gesamtheit als ihr Herr und Gebieter; mein Herz, das von Objekt zu Objekt streift, mischt sich und identifiziert sich mit denjenigen, die es beruhigen, hüllt sich in liebreizende Fantasien […,] welch frische Färbung, welche Ausdruckskraft ich ihnen gebe!» (Rousseau, 1996, S. 675).

Thales Erben mögen die Phasen des Erdsatelliten aufzeichnen und sich tief in menschliche Leidenschaften begeben, die von diesem selben Mond geweckt werden. Die Philosophie der Psychotherapie mag messbares menschliches Verhalten erforschen, genauso wie die Ich-Erfahrung, Subjektivität, Intersubjektivität und das Personsein.

Geschichte als Prozess; Entwicklungstheorie

Es gibt weder bei Locke noch bei Hume einen Hinweis auf die kumulative Abfolge von Erfahrung. Kant legt den ersten Baustein für das Fundament dieser Idee und greift den Fokus des Empirismus Lockes und Humes auf Sinneseindrücke auf als einen Startplatz für Erfahrung, treibt dies aber radikal weiter. Für uns werden, um Wissen aus Erfahrung zu haben, «diese passiv gegebenen Sinneseindrücke von spontaner Tätigkeit des Verstehens ‹überarbeitet› […,] jede temporär erweiterte und kumulative Wahrnehmung von Erfahrung würde die Tätigkeit des Verstehens beinhalten» (Carr, 2014, S. 16).

Dieses Hinzufügen von Tätigkeit ist wesentlich. Damit wird Temporalität und Geschichtlichkeit in den Bewusstseinsprozess einbezogen (ebd.).

Die Grammatik des Denkens der Psychotherapie ist festgelegt

Descartes klare Grundlage für die Existenz eines wissenden Subjekts oder Egos, Kants Gründung eines Verstehens als aktives Bewusstsein samt verstandesmässigem und intuitivem Wissen und später Georg W. H. Hegels (1770–1831) Philosophie der Geschichte als ein dynamisches Ringen unterstreicht Geschichte als einen Entwicklungsprozess. So begann die Festlegung der grammatischen Struktur für das Denken, das das Denken der Psychotherapie ist. Unser klinischer Gestus speist sich aus dem, was gemessen wurde; unser Gestus wird zudem geformt durch einen nicht quantifizierbaren Sinn für das, was ist. Wir denken in Form von beobachtbarem Verhalten und wir denken in Form von Ich-Erfahrungen; in Form von Verstand, in Form von Materie, als Cartesianer, als Holisten: Das klinische Denken, das Gyroskop unserer psychotherapeutischen Welt, überschreitet Kategorien.

Die Denker, die dies zusammenhalten, können hier nicht annähernd ausreichend untersucht oder auch nur in ihrer Gesamtheit genannt werden. Es sind viele Hände am Hebel, die aus diversen Disziplinen und über verschiedene Zeiten und Wissensgrundlagen danach greifen (siehe zum Beispiel Spiegelberg, 1972). Und doch ist da ein gemeinsames Fundament in einer gemeinsamen Welt.

«Es» denkt, also ist da jemand

Franz Brentano (1838–1917) war ein österreichischer Philosoph und Psychologe. Das Gebiet hatte noch immer einen einzigen Namen: Philosophie. Edmund Husserl, Sigmund Freud, Carl Stumpf und Christian von Ehrenfels gehörten unter anderen zu den einflussreichen Figuren, die mit ihm studierten. Die phänomenologische Philosophie, die Psychoanalyse und die Gestaltpsychologie wurzeln in dieser Zeit bei Brentano. Er unterschied psychologische Phänomene von physischen aufgrund von Intentionalität (Brentano, 2015). Bewusstsein hat immer ein Objekt – es geht um etwas. Denken handelt von etwas; es möchte etwas.

Brentano hat das Konzept der Intentionalität von den Scholastikern des Mittelalters übernommen. Dies ist für das Thema seiner Argumentation insofern wesentlich, weil er durch das Zurückgreifen auf ein aristotelisches Konzept genau genommen ein nicht-galiläisches, nicht-empirisches Konzept der geistigen Phänomene verjüngte. Die mathematische Analyse, auch wenn sie in einigen Gebieten der Naturwissenschaften valide ist, war für ihn für Ich-Erfahrungen nicht geeignet. Er unterschied zwischen dem, was er als genetische Psychologie bezeichnete, und einer deskriptiven Psychologie. Die genetische Psychologie untersucht psychologische Phänomene aus der Perspektive eines Dritten; diese sind beobachtbar und daher der empirischen Erforschung zugänglich. Die deskriptive Psychologie untersucht psychologische Phänomene aus der Ich-Perspektive, die schon per definitionem nicht beobachtbar sind (Huemer, 2019). Für Brentano sind deskriptive und genetische Psychologie von gleichem Wert.

Edmund Husserl führte die phänomenologische Bewegung in der Philosophie an. Er setzte Brentanos Untersuchung der Intentionalität fort und entwickelte sie sehr viel weiter in die Struktur des Bewusstseins und aller geistigen Phänomene. Seine Methode war darauf gerichtet, sich mit den reinen oder idealen Strukturen des Bewusstseins zu beschäftigen und nicht mit der Psychologie bestimmter Personen. Er hatte dies berücksichtigt, als er die Unterschiede zwischen der phänomenologischen Philosophie und der phänomenologischen Psychologie behandelte, und er wusste um die Problematik, beide zu vereinen. Er schrieb, dass er

«eine reine interne Psychologie als grundlegende Wissenschaft für die sozio-kulturellen Wissenschaften – aber auch für eine natürliche psychologische Erforschung – nur umreissen könne; auch die rein subjektive Berücksichtigung der Intersubjektivität» (Husserl, 1977, S. 179).

Andere würden dies weiterentwickeln müssen

Sie wurden zusammengebracht. Die phänomenologische Methode von Husserl9 wurde in diverse psychotherapeutische Ansätze aufgenommen (Spinelli, 2005; Crocker, 2009; Bloom, 2019; McConville, 1978) wie auch in die Psychologie (Spiegelberg, 1972) und die Sozialwissenschaften (Gurwitsch, 1974).

Auf unsere Arbeit bezogen werden sie zusammengebracht, wenn wir uns die verschiedenen Versionen von Thales «Nur das?» anhören, die Bestandteil so vieler menschlicher Klagen unserer Patient*innen sind – sofern wir die tiefere Ebene ihrer Klagen hören, die von Sorgen an der Oberfläche überdeckt wird. Denn ist es nicht letztlich unsere Fähigkeit, diese Ebenen als Teil des Ausdrucks unserer Arbeit zu unterscheiden? Wenn wir alle, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, Philosoph*innen sind, dann sind wir alle, soweit wir uns auf diese Art in unserer Arbeit betätigen, klinische Phänomenolog*innen (Bloom, 2019). Die tiefliegende Grammatik des Denkens der Psychotherapie ist das Denken von Gedanken von Menschen, das uns von Husserl10 zugänglich gemacht wird. Dem ist so, ob wir uns diesen Gedanken aus einer Ich-Perspektive oder der Perspektive eines Dritten nähern, wenn wir Daten aus beobachteten Verhalten erheben. Das Denken, das die Philosophie der Psychotherapie darstellt, ist ein Gedanke in einer menschlichen Welt. Die Worte «Ich denke nie» hallen in den stets raunenden Gedanken der umgebenden menschlichen Welt wider.

Die menschliche Welt

In den «Wiener Vorlesungen» von 1935 schrieb Husserl (1970b, S. 294f.):

«Es gibt durchaus Probleme, die aus der Naivität stammen, in der die objektivistische Wissenschaft das, was sie objektive Welt nennt, für das Universum alles Seienden hält, ohne darauf zu achten, dass die Wissenschaft leistende Subjektivität in keiner objektiven Wissenschaft zu ihrem Rechte kommen kann.»

Er fährt fort, dass die Erkenntnisse der Psycholog*innen, wenn sie sich nicht in das Subjekt, dem sie sich nähern, sondern in ihren Gegenstand einbringen, die menschlichen, sozialen und historischen Prämissen übersehen, die nur dann erkannt werden können, wenn man auch dem Gemeinwesen Beachtung schenkt, in dem sie, ihre Arbeit, ausgeübt wird. Er stellt Überlegungen zur Geschichte der Wissenschaft und dem Triumph der universellen Wahrheiten an, die als erstes in Griechenland entdeckt worden waren und mit der Zeit durch Verstand und Beobachtung verfeinert wurden. Schritt für Schritt hielt er fest, wie die persönliche Welt des tatsächlichen Lebens, die Welt der persönlichen Bedeutung von der Mathematisierung, dem Messen und dann von der Technik übernommen wurde.

Die Krise der europäischen Wissenschaften trat auf, als die Wissenschaft zum Szientismus wurde; das heisst, als die Wissenschaft ihre Verbindung zur Welt des Lebens nicht mehr erkannte. Sie bezog sich auf die Welt als etwas, das zu messen und zu erfassen ist. Menschen konnten vergegenständlicht werden. Die Technik konnte sich die Natur einverleiben. Wir wurden dem entrissen, was er als die Lebenswelt bezeichnete.

Kurz gesagt, ist die Lebenswelt die Welt unseres mit Bedeutung gefüllten Lebens, was die Basis für unsere unterschiedlichen Arten des Verstehens und der Formen der Annäherung an das Leben und der Annäherung untereinander ist. Es ist die mit Menschen gefüllte Welt der Beziehungen, Familien, Gesellschaft und Kultur, in die wir hineingeboren sind und an denen bzw. der wir unser ganzes Leben lang beteiligt sind. Die Lebenswelt weist uns zudem einen Platz in der Geschichte und im erweiterten Universum der früheren sozialen Interaktion und sozialen Bezugspunkte, der Möglichkeiten und Potenziale zu. Die Lebenswelt ist das, was wir in unserem normalen, unreflektierten Leben als selbstverständlich erachten, und dennoch ist es das, was der Welt im Grossen und Ganzen Farbe und Bedeutung verleiht.

Husserl bezog sich auf den Ansatz, den wir untereinander in einer gemeinsamen Welt, im Sinne der personalistischen Einstellung verfolgen (Moran, 2012, S. 322). Die tiefliegende Grammatik des Denkens, das die Philosophie der Psychotherapie darstellt, ist die Sprache, die in dieser personalistischen Einstellung gesprochen wird. Auf den Stil unseres Ansatzes in Bezug auf unsere leidende Person kommt es nicht an, auch nicht auf unseren Standpunkt als Kliniker*innen, denn wir stehen inmitten der Gedanken der personalistischen Einstellung der Lebenswelt.

Und trotzdem besteht «Ich denke nie» fort

«Ich denke nie», sagte sie. Und ich erinnere mich so gut daran, dass ich ihre Worte an den Beginn dieser Diskussion stelle und sie jetzt nutze, um meine Überlegungen abzuschliessen. Beachten Sie zudem: Sie sagte das in einem Kontext und in einem Kontext von Gedanken zum Denken. Das heisst, sie wusste, was sie zu wem sagte und ihr Konzept kam von einem bedeutenden Hintergrund. Der affektive Ton unserer kleinen Gruppe änderte sich, nachdem sie sich geäussert hatte. Ich lehnte mich weg von ihr; einige beugten sich näher zu ihr hin. Einige konnten hören, wie ich nach Luft schnappte. Diese Momente waren grammatische Momente. Sie wurden mir und uns gegenüber geäussert, gegenüber allen von uns in dieser Gruppe ausgesprochen, einer Gruppe, die zusammengehalten wurde von einem gemeinsamen Interesse an der Thematik unserer Arbeit, die wir gerade gemeinsam erforschten. Ihre Worte sind bei mir haften geblieben und sind in meinen Gedanken. Genauso wie, in einem gewissen Mass, sie selbst.

«Ich denke nie.» Therapeut*innen, die nicht denken, sind undenkbar, wie Wolken ohne Luft, Lieder ohne Ton oder Tänze ohne Bewegung. Das Denken, das die Philosophie der Psychotherapie ausmacht, ist die Bedeutung, die unseren klinischen Bewegungen Gewicht verleiht. Man bedenke nur, wie wir die Worte unserer Patient*innen hören, wenn wir dies mit unserem denkenden Ohr tun, das offen ist für die verhuschten Töne und in der Lage ist, Unterschiede wahrzunehmen und die Fenster der Bedeutsamkeit zu finden. Oder wie die uns vermittelte Geschichte das klinisch-effektive Narrativ wird. Alles ohne ein aktives Kalkül von unserer Seite. Das ist das Denken. Das ist klinische Weisheit.

Wir erlangen diese Weisheit mit der Zeit – und im Laufe eines Gedankenprozesses in dem Sinne, den ich hier gemeint habe. In einem Prozess der Aktivität und des Ausdrucks, der sich im menschlichen Verstehen verwirklicht, das uns über Jahrhunderte vermittelt wurde. Unsere klinische Ausbildung lehrt uns, wie man das hört, was im Hintergrund summt.

Und noch viel mehr. Das Denken, «dass wir zu denken vermögen», die Philosophie der Psychotherapie sei das verkörperte, gefühlte und empfundene Denken der Menschen, die staunen und enttäuscht sind, traurig und glücklich sind, Liebe und Schmerz empfinden, niedergeschlagen oder ängstlich sind. Die Philosophie der Psychotherapie besteht nicht aus Berechnungen, Gleichungen, Daten oder harten, empirischen Fakten. Es ist das gelebte Denken, das aus der menschlichen Situation als eine Aktivität entspringt – als eine Geste des Helfens, als klinische Weisheit. Die Philosophie der Psychotherapie ist all das und noch viel mehr. Es ist eine Philosophie, die diese wertvollen Geschenke der Triumphe der Wissenschaft umhüllt und sie in eine sich ansammelnde Weisheit dessen faltet, von der wir wissen, wie es sich anfühlt, ein lebendiger Mensch zu sein, der mit anderen in dieser Welt lebt – und die sich im klinischen Gestus in jedem Moment einer Therapiesitzung äussert. Vittorio Gallese (2011, S. 37) formulierte das in einem Interview so: «Neuronen sind keine epistemischen Agenten.» Das heisst, ein Hirn weiss nichts. Eine Person schon. Die Philosophie, die Psychotherapie ist nicht mit den Fensterstürzen und Wänden der Logik gebaut, sondern aus den formlosen Formen menschlicher Erfahrung.

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1 Der englische Originalartikel führt ausnahmslos Zitate auf Englisch an (vgl. S. 28–35 in diesem Heft). Sie wurden für diese deutsche Version übersetzt.

2 Ich bin ein Gestalttherapeut und als solcher ist es für mich besonders schwer, Kolleg*innen beispielhaft auszuwählen. Ich möchte aber Sylvia Crocker, Peter Philippson, Margherita Spagnuolo Lobb, Jean-Marie Robine, Michael Vincent Miller, Mônica Botelho Alvim und Frank-M. Staemmler nennen.

3 Es gibt Kolleg*innen, die eine «atheroretische» Version der Gestalttherapie praktizieren (Naranjo, 2000).

4 Warum sage ich «Denken» und nicht «Gedanken»? Ich habe mich für die Substantivierung entschieden, um den lebendigen Prozess zu betonen, der im Praktizieren der Psychotherapie stattfindet.

5 Naturphilosophie als ein separater Wissenszweig begann, abseits von der Philosophie als Wissenschaft aus eigenem Recht zu stehen, bis sich die wissenschaftliche Methode (empirische Erforschung) im 19. Jahrhundert entwickelte: Beobachtung, Hypothese, Test, Verifizierung.

6 Nicholas Malebranche (1638–1715), ein Zeitgenosse Descartes, fügte der Rationalität Wissenschaft, Wahrnehmung hinzu (Butler, 2005).

8 «Es ist relativ klar, dass Kant in vielen Situationen, in denen er diesen Begriff verwendete, dies in einem empirischen Sinn […] Lockes und Humes tat. In der Folge hat Erfahrung dieselbe Bedeutung in seiner Arbeit, die diese ‹Erfahrung› dann im Englischen erlangt hatte» (Carr, 2014, S. 15).

9 Die phänomenologische Methode ist nicht einfach oder in einer Weise zu beschreiben, die den unterschiedlichen Arten, in denen sie eingegliedert ist, gerecht wird.

10 Während Husserl als der erfolgreiche Kandidat hervorsticht, der zu berücksichtigen ist, gibt es noch einen anderen, der kurz erwähnt werden sollte, der wahrscheinlich schon unter den bereits schriftlich festgehaltenen Konzepten aufgetaucht ist. Husserls berühmtester Student war Martin Heidegger. Heideggers Analyse der Faktizität könnte hier ein Begleitfaden sein. Sicherlich ist Heideggers direkter Einfluss auf die Psychotherapie offensichtlich – vielleicht offensichtlicher als der Husserls. Karl Jaspers, Ludwig Binswanger, Medard Boss, Thomas Szasz, Eugene Gendlin, Robert Stolorow und andere wurden direkt von Heidegger beinflusst.

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