Donald Duck und Viktor Frankl

Eine Existenzanalyse der berühmtesten Ente der Welt

Paolo Raile

Psychotherapie-Wissenschaft 8 (2) 65–73 2018

www.psychotherapie-wissenschaft.info

CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/8243.12

Zusammenfassung: Donald Duck und Viktor Frankl – ein ungleiches Paar. Dennoch sind beide auf ihre Art sehr erfolg­reich. Der Inhalt des Artikels bezieht sich im Wesentlichen auf die Grundkonzepte von Frankls Logotherapie und Exis­tenz­analyse, die im weiteren Verlauf auf die berühmte Comicente Donald Duck angewendet werden.

Schlüsselwörter: Comic, Donald Duck, Logotherapie, Viktor Frankl, Existenzanalyse

 

Einleitung

»›Können Sie mir in einem Satz sagen, was man unter Logotherapie versteht‹, fragte er, ›oder zumindest, worin der Unterschied zwischen Psychoanalyse und Logotherapie besteht?‹ – ›Ja‹, sagte ich, ›aber zuerst müssen Sie mir in einem Satz sagen, worin Ihrer Meinung nach das Wesen der Psychoanalyse liegt.‹ Seine Antwort war: ›Bei einer Psychoanalyse muss sich der Patient auf eine Couch legen und Dinge sagen, die auszusprechen manchmal sehr unangenehm ist.‹ Woraufhin ich ihm umgehend antwortete: ›Sehen Sie, in der Logotherapie darf der Patient aufrecht sitzen bleiben, aber dafür muss er sich Dinge anhören, die zu hören manchmal sehr unangenehm ist‹.«

Frankl, 2015a, S. 11f.

 

Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse wurde am 26. März 1905 in Wien geboren und starb hier am 2. September 1997. Ähnlich wie bei Dagobert Duck und Alfred Adler (vgl. Raile, 2016), gibt es auch Parallelen zwischen Donald Duck und Viktor Frankl. Donald ist der Neffe von Dagobert, etwa 35 bis 50 Jahre jünger als dieser und ebenfalls im März geboren (die Altersangabe von Donald ist umstritten, siehe unten); Viktor Frankl – ebenfalls 35 respektive 49 Jahre jünger als Adler bzw. Freud – hatte mit beiden korrespondiert und war in gewisser Weise ein Schüler der beiden bevor er von Adler im Jahr 1927 aus dem Verein für Individualpsychologie ausgeschlossen wurde und seine Logotherapie später als eigenständige psychotherapeutische Schule etablierte. Frankl und Duck wurden also zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren und waren beide relativ Spätgeborene der »nächsten Generation« – Duck im Kontext des Entenclans und Frankl im Kontext der Psychotherapie (vgl. Frankl, 2015b, S. 190ff.; Rosa, 2005, S. 16; Stegmaier, 2010, S. 5ff.).

Donald Duck ist eine Comicfigur, die erstmals 1934 im Kurzzeichentrickfilm The Wise Little Hen auftritt. Donald wird in weiterer Folge zum Protagonisten zahlreicher Comickurzfilme und Comicgeschichten. Im Jahr 1942, nur acht Jahre nach Donalds Debüt, arbeitete Carl Barks an seiner ersten Donald Duck-Geschichte, die den Titel Donald Duck finds Pirate Gold trägt. Ursprünglich war die Geschichte als Kurzfilm mit Donald Duck, Mickey Maus und Goofy gedacht; das Konzept wurde jedoch zugunsten eines Comicbuchs aufgegeben, das Carl Barks und Jack Hannah zeichneten. Mickey und Goofy wurden herausgenommen und durch Donalds Neffen Tick, Trick und Track ersetzt (Barks, 1994, S. 67–71). Barks zeichnete in weiterer Folge über 7.000 Comicseiten, deren Protagonisten hauptsächlich die Ducks sind. Ohne Barks, der selbst in der Anonymität auffiel – bis 1970 waren die Barks-Geschichten nur als »die Geschichten des guten Zeichners« bekannt –, wäre der Duck-Clan nicht so bekannt und vielseitig geworden. Eine Auflistung von Barks Donald Duck-Geschichten gibt es im Werkverzeichnis (vgl. Grote, 1995, S. 5f.); die Comics von Don Rosa, ein Zeichner, dessen Handlungsstränge oft auf Barks Erzählungen aufbauen und diese zum Teil fortführen, finden sich in den 33 Ausgaben der Zeitschrift Onkel Dagobert von 1994–2006.

Donald gilt als Choleriker. Er ist arbeitsscheu und faul, manchmal streitsüchtig, manchmal hinterlistig, oft ein Versager und ein Pechvogel sondergleichen. Er ist aber auch hilfsbereit und zuweilen ein Erziehungsberechtigter, dem das Wohl seiner Neffen sehr am Herzen liegt. Donald ist enorm vielseitig, besitzt zahllose Talente und scheitert dennoch meistens grandios. Trotz aller Niederlagen gibt er nie auf (vgl. Stegmaier, 2010, S. 50f.). Dennoch ist die Charakterisierung keineswegs einfach. Der berühmte blaue Wüterich wurde in den vergangenen Jahrzehnten jedoch nicht nur von Barks und Rosa gezeichnet, sondern von zahllosen Autorinnen und Autoren als Protagonist in unterschiedlichste Geschichten eingebaut. Daraus folgt, dass sowohl massgebliche Charaktereigenschaften als auch biografische Daten oftmals stark voneinander abweichen oder einander direkt widersprechen. Aus diesem Grund werden in den meisten donaldistischen Werken vor allem jene Geschichten des berühmten Zeichners Carl Barks berücksichtigt. Als »Donaldismus« wird die wissenschaftliche Erforschung der Welt von Donald Duck bezeichnet. Von dieser Linie geringfügig abweichend wird der vorliegende Beitrag vorwiegend auf die Geschichten von Carl Barks »Nachfolger« Don Rosa zurückgreifen (vgl. D. O. N. A. L. D., 2015).

Trotz des vielen Pechs weiss die blaue Ente ihr Leben zu geniessen. Frankl führt dies auf den Sinn im Leben zurück. In seinem Büchlein Grundkonzepte der Logotherapie führt er einige Forschungsergebnisse an. Das Buch konzipierte er ursprünglich als zusätzliches Kapitel für die englischsprachige Version seines Hauptwerks  trotzdem Ja zum Leben sagen und enthält kondensierte Gedanken über seine Psychotherapierichtung. In einer Umfrage wurden Studenten der John Hopkins Unversity gefragt, was für sie »sehr wichtig« sei. 16 Prozent der Befragten gaben das Geld an – wie es Dagobert Duck getan hätte. 78 Prozent gaben jedoch an, dass es das wichtigste sei, einen Sinn und eine Aufgabe im Leben zu finden (vgl. Frankl, 2015a, S. 14f.). Donald gehört in diesem Fall klar der zweiten Fraktion an. Obwohl er häufig danach strebt, viel Geld zu verdienen, würde er es dennoch gleich wieder ausgeben, um sein Leben zu geniessen. Seinen Sinn erhält er jedenfalls nicht vom Streben nach Reichtum, sondern vielmehr aus einer ganz anderen Quelle.

Dieser Artikel soll nun anhand ausgewählter Comicgeschichten die zentralen Konzepte Viktor Frankls anhand einer Existenzanalyse Donald Ducks anschaulich darstellen und Gemeinsamkeiten zwischen der Logotherapie und Existenzanalyse sowie der »berühmtesten Ente der Welt« herausarbeiten.

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Abb. 1: Dortel und Degenhart Duck – die Eltern von Donald (Rosa, 2005, S. 206) © Disney

 

Zwei herausragende Persönlichkeiten – Zwei konträre Biografien

Es ist nicht einfach, biografische Daten über Donald Duck zu finden. In den Geschichten Carl Barks wird weder erwähnt, wann genau Donald geboren wurde, noch wie er aufgewachsen ist und ob beispielsweise seine Kindheit schwierig war oder er sehr liebevolle Eltern hatte. Lediglich eine Charaktereigenschaft beider Elternteile wird bei Barks Nachfolger Don Rosa deutlich: Sowohl Donalds Mutter Dortel als auch sein Vater Degenhard sind ausgesprochene Choleriker (Abb. 1). Selbst der Grossvater hatte damals Bedenken bezüglich des Temperaments seines künftigen Enkels (Abb. 2).

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Abb. 2: Das Temperament von Donald war schon vor seiner Geburt klar (Rosa, 2005, S. 206) © Disney

Dennoch gibt es Spekulationen über Ducks Geburtstag. Zwei mögliche Geburtsdaten haben sich in den kontroversen Diskursen herauskristallisiert: Der 9. Juni 1934 – der erste Auftritt von Donald Duck in The Wise Little Hen – und der 13. März 1920 – ein Konglomerat aus den Hinweisen eines Comickurzfilms und von Don Rosa.

Viktor Frankls Biografie ist hingegen klar rekonstruierbar. Frankl wurde am 26. März 1905 in Wien geboren und wuchs in der Zeit des Ersten Weltkriegs auf. Schon in der Schule interessierte er sich für Psychologie und Psychoanalyse. Seine Maturaarbeit verfasste er zum Thema Zur Psychologie des philosophischen Denkens und veröffentlichte in den darauffolgenden Jahren Aufsätze in den Zeitschriften für Psychoanalyse und Individualpsychologie. Bereits 1926 prägte er den Begriff »Logotherapie« und 1939 den Begriff »Existenzanalyse«. In den 30er Jahren leitete er den Selbstmörderinnenpavillon des psychiatrischen Krankenhauses in Wien und eröffnete 1937 seine eigene Praxis. 1944 werden seine Frau, sein Bruder und seine Mutter von den Nationalsozialisten ermordet, Frankl selbst wird nach Ausschwitz deportiert. Am 27. April 1945 wird das Lager von den US-Truppen befreit und Frankl kommt zurück nach Wien, wo er Vorstand der neurologischen Poliklinik wird. In den darauffolgenden Jahrzehnten schrieb er zahlreiche Bücher über die Logotherapie und Existenzanalyse, hielt auf der ganzen Welt Vorträge und verbreitete seine psychotherapeutische Methode. Im Jahr 1997 starb er in Wien (vgl. Frankl, 2009, S. 351).

Frankl erhielt zahlreiche Auszeichnungen und 29 Ehrendoktorate. Er schrieb 31 Bücher, die in 24 Sprachen übersetzt wurden (vgl. Frankl, 2014, S. 110). Frankl spezialisierte sich auf die Psychotherapie und war enorm erfolgreich. In dieser Hinsicht ist er quasi der Anti-Donald. Duck ist ein Allrounder, der nahezu alles kann – und dennoch ein ewiger Verlierer. Er kann Flugzeuge, Fahrzeuge und Schiffe aller Art steuern; er war in unzähligen Jobs tätig und in manchen Bereichen ist er ein absolutes Naturtalent. So gilt er binnen kürzester Zeit als Umzugsspediteur oder als Abriss-Spezialist zur Elite dieser Berufe. Löffler listet die Jobs auf, die Donald in den Barks-Geschichten hat: 16 selbstständige Tätigkeiten und 25 Anstellungen (vgl. Löffler, 2004, S. 112ff.). Auch bei Don Rosa ist er beispielsweise als Gärtner kurzzeitig sehr gefragt und ein Vollprofi auf dem Gebiet der Gartenveredelung (Abb. 3). Doch wie meistens passiert dem ewigen Pechvogel ein Unglück, woraufhin er seine Tätigkeit aufgibt und sich für immer aus der Branche zurückzieht (Abb. 4, s. S. 68). Duck und Frankl – herausragende Persönlichkeiten in den Bereichen Talent und Tätigkeit.

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Abb. 3: Donald als Profigärtner (Rosa, 1997, S. 19) © Disney

 

Der Sinn im Leben der berühmtesten Ente der Welt

Frankl hatte ein grosses Interesse an philosophischen und psychotherapeutischen Themen. In seinem Buch Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn definiert Frankl das »Leiden am sinnlosen Leben« als Ausdruck geistiger Müdigkeit und nicht als Krankheit. Frankl verortet die Schuld in der Wohlstandsgesellschaft, die alle Bedürfnisse des Menschen befriedigen kann; die Konsumgesellschaft würde sogar neue Bedürfnisse erzeugen, um sie anschliessend zu befriedigen. Doch das Bedürfnis nach einem Sinn – der »Wille zum Sinn« – wird nicht befriedigt. Dieses Bedürfnis beinhaltet das Streben nach dem Erfüllen eines Sinns in den einzelnen Lebenssituationen sowie im Leben als Ganzes. Um diesen Sinn erfüllen zu können ist der Mensch bereit zu leiden, ja sogar zu sterben. Wenn er hingegen keinen Sinn im Leben sieht, dann »pfeift er aufs Leben« – unabhängig davon ob es ihm äusserlich gut geht oder nicht. Frankls Antwort auf dieses Leiden am sinnlosen Leben ist eine sinnzentrierte Form der Psychotherapie – die Logotherapie (Frankl, 2015b, S. 44ff.).

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Abb. 4: Das Unglück holt den Pechvogel ein (Rosa, 1997, S. 24) © Disney

Das Begriffspaar Logotherapie und Existenzanalyse deklariert Frankl wie folgt:

»In ihrer Spezifikation als Psychoanalyse bemüht sich die Psychotherapie um Bewusstmachung von Seelischem. Die Logotherapie bemüht sich demgegenüber um Bewusstmachung von Geistigem. Wobei sie in ihrer Spezifikation als Existenzanalyse darum bemüht ist, im Besonderen das Verantwortlichsein – als Wesensgrund der menschlichen Existenz – dem Menschen zum Bewusstsein zu bringen. Verantwortung heisst jeweils: Verantwortung gegenüber einem Sinn. Die Frage nach dem Sinn des Menschenlebens hat sonach an den Anfang dieses Abschnittes gesetzt zu werden und muss in seinem Mittelpunkt verbleiben« (Frankl, 2009, S. 66).

In seinem Werk Ärztliche Seelsorge führt Frankl vier wesentliche Bereiche des Sinns an: (1.) Den Sinn des Lebens, (2.) den Sinn des Leidens, (3.) den Sinn der Arbeit und (4.) den Sinn der Liebe. Beim Sinn des Lebens unterscheidet Frankl vor allem zwischen drei Wertkategorien: (1.) die schöpferischen Werte – die Verwirklichung des Sinns in unseren Taten –, (2.) die Erlebniswerte – der Sinn in besonderen Situationen, in denen wir die Welt wahrnehmen – und (3.) die Einstellungswerte – wie wir mit Unveränderlichem umgehen, das uns passiert. Vor allem im letzten Punkt liegt die Fähigkeit nicht nur in schönen Situationen Sinn zu finden und zu erfüllen, sondern auch im Leiden (vgl. Frankl, 2009, S. 156f.).

Der Sinn des Leidens kann auch in banalen Situationen vorkommen, wie sie Donald des Öfteren erlebt. Einmal erhält er von seiner Freundin Daisy zehn Taler, um ein Geschenk für seine Neffen zu kaufen und sieht auf dem Weg eine Angelrute, die im Sonderangebot ist – nur zehn Taler!

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Abb. 5: Der Sinn im Leiden (Rosa, 1994, S. 53) © Disney

Donalds Leiden in der selbstgewählten Zurückhaltung (Frankls Prinzip der »Freiheit des Willens«) ist deutlich erkennbar (Abb. 5). Dennoch sieht Donald mehr Sinn darin, diese Angelrute, die er so gerne hätte, nicht zu kaufen und stattdessen zu leiden, als Daisy zu enttäuschen/verlieren. Darin spiegelt sich auch der Sinn in der Liebe wieder, die »das Erleben des anderen Menschen in dessen ganzer Einzigartigkeit und Einmaligkeit« (Frankl, 2009, S. 178) beschreibt. Damit meint Frankl »im Besonderen die Zweisamkeit, die innige Gemeinschaft eines Ich mit einem Du« (ebd.).

Obwohl Donald in nahezu allen Bereichen erfolglos ist, sieht er meistens dennoch einen Sinn im Leben und auch in der Arbeit. An einem Tag sieht er jedoch keinen Sinn in der Arbeit. Dieser beginnt wie viele Andere: Duck tritt einen neuen Job an (Abb. 6).

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Abb. 6: Donald Duck ist auf dem Weg zu einem neuen Job (Rosa, 2005a, S. 4) © Disney

An diesem Tag ist er besonders pessimistisch und sieht selbst in seinem Leben keinen Sinn mehr. Er glaubt, dass es seiner Umgebung auch ohne ihn gut gehen würde (Abb. 7, s. S. 70). An dieser Stelle würde Frankl von einer existenziellen Frustration sprechen – einer noogenen Neurose. Frankl bezieht sich beim Wort »noogen« auf das griechische Wort »nous«, das »Geist« bedeutet, und meint eine »Erkrankung« des Lebenssinns – er vermeidet es diese Leidenszustände als Krankheiten zu bezeichnen, wie es bei psychischen Erkrankungen der Fall wäre. Frankl bezieht sich dabei auf Menschen, die am Sinn des Lebens verzweifeln oder daran zweifeln, überhaupt einen Lebenssinn zu finden und an dem fehlenden Sinn leiden (Frankl, 2009, S. 20, 117).

Durch einen »Vasengeist« wird ihm ein Wunsch erfüllt, den er achtlos ausspricht: Er wünscht sich, nie geboren worden zu sein. Kurz darauf findet er sich in einem heruntergekommenen Entenhausen wieder, in dem scheinbar alles Kopf steht:

  • Der geniale Erfinder Daniel Düsentrieb ist nach einem Unfall mit einer Gedankenmaschine nicht mehr genial und arbeitet am Bauernhof von Oma Duck, den sie ihm vor Jahren verkaufen musste – im »echten« Entenhausen traf Donald das Unglück und rettete damit Düsentrieb.
  • Kurz darauf trifft er Oma und erfährt, dass sie ihren Bauernhof alleine nicht mehr führen konnte und eine Stelle als Sekretärin bei Daisy Duck annahm – ihr Assistent ist normalerweise Franz Gans, der jedoch in der alternativen Realität für Dagobert arbeitete, weil es Donald nicht gab und Franz der einzige entfernte Verwandte war, der übrigblieb.
  • Daisy wohnt bzw. arbeitet im ehemaligen Geldspeicher von Dagobert Duck und ist eine berühmte, aber einsame und verbitterte Autorin von Liebesromanen – ohne Donald hat wohl auch sie keinen Sinn in der Liebe gefunden.
  • Den früheren Assistenten von Oma Duck, Franz Gans, findet Donald abgemagert neben einer Mülltonne – darin liegt der verarmte Dagobert Duck – Franz hat den Glückszehner Dagoberts achtlos hergegeben, als er seinen Job bei ihm begann.
  • Donald fährt zu seinem Haus und findet darin Tick, Trick und Track, die jeweils 100 kg wiegen und mit Chips vor dem Fernseher sitzen. Sie wollen einmal ein Glückspilz werden, wie ihr Onkel Gustav – im »echten« Entenhausen sind sie Pfadfinder und schauen zu ihrem Onkel Donald auf, der sie ermutigte stets zu lernen und etwas zu erreichen.
  • Gustav ist im Übrigen der Einzige, der unverändert ist und auch weiterhin ein gutes Leben führt – auf ihn hätte Donalds Abwesenheit offenbar tatsächlich keinen Effekt.
  • Zuletzt trifft Donald die Panzerknacker, die nach Dagoberts Pleite ein ehrliches Leben führen müssen und Polizisten wurden.
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Abb. 7: Das Leiden am sinnlosen Leben (Rosa, 2005a, S. 5) © Disney

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Abb. 8: Donald erkennt seine Bedeutung im Leben (Rosa, 2005a, S. 15) © Disney

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Abb. 9: Für seine Neffen sorgen – das ist ihm wichtig (Rosa, 2005a, S. 18) © Disney

Donald erkennt schlagartig, dass er keinesfalls so unwichtig ist wie er dachte (Abb. 8) und bittet den Vasengeist, seinen Wunsch rückgängig zu machen. Das Resümee: Den Sinn im Leben sieht die blaue Ente vor allem darin, dass er für seine Verwandten da sein kann und ist (Abb. 9) (vgl. Rosa, 2005a). Um Frankls Worte zu verwenden:

»So hat sich gezeigt, dass die Gemeinschaft als das, worauf menschliches Schaffen gerichtet ist, der persönlichen Einzigartigkeit und Einmaligkeit erst den existentiellen Sinn verleiht« (Frankl, 2009, S. 178).

Eine Studie ergab, dass 89 Prozent der Befragten meinten »etwas« zu brauchen, für das es sich zu leben lohnt (vgl. Frankl, 2015a, S. 14). In diesem Punkt stellt auch Donald Duck keine Ausnahme dar. Donald schöpft seinen Sinn aus mehreren Bereichen: Donald kann sich für manche Tätigkeiten begeistern und liebt Herausforderungen, die er mit höchstem Ehrgeiz angeht (Sinn in der Arbeit, schöpferische Werte). Er geniesst auch die Ruhe und Stille in seiner Hängematte – ein Milchshake dazu und sein Lebensglück ist für eine Zeit lang perfekt (Erlebniswerte). Und das wichtigste ist Donald seine Familie. Er ist für seine Neffen da und kümmert sich um sie. Auch sein Onkel Dagobert, seine Freundin Daisy und Daniel Düsentrieb sind ihm sehr wichtig (Sinn in der Liebe).

 

Die selbsttranszendente Ente

Die Logotherapie ist kein Allheilmittel! Mit diesem Satz beginnt Frankl seine Erläuterung über das Wesen der Logotherapie. Die Logotherapie ist, wie jede Psychotherapie, eine jeweils einzigartige Kombination aus einer Patientenpersönlichkeit und einer Therapeutenpersönlichkeit, die nicht immer dieselben Erfolgsaussichten oder dieselbe Wirksamkeit hat. Im Gegensatz zu anderen Psychotherapierichtungen sei die Logotherapie kein Rivale, sondern vielmehr ein Plusfaktor, der sich dadurch kennzeichnet, dass die Logotherapie nicht bei den Neurosen verharrt, sondern sich vielmehr auf spezifisch humane Phänomene bezieht. Derer werden vor allem zwei angeführt: die Selbst-Transzendenz und die Selbst-Distanzierung (vgl. Frankl, 2015b, S. 118f.).

Der Mensch ist ein Wesen, das durch die Selbst-Transzendenz auf der Suche nach Sinn ist. Frankl meint mit Selbst-Transzendenz

»den grundlegenden anthropologischen Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist, – auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mitmenschliches Sein, dem er da begegnet« (Frankl, 2009, S. 213).

Die Selbst-Distanzierung bezeichnete Frankl als zweites fundamental-anthropologisches Charakteristikum der menschlichen Existenz. In der Selbst-Distanzierung kann sich der Mensch von sich selbst distanzieren, was logotherapeutisch bei der Behandlung von psychischen Krankheiten genutzt wird. Frankl betont in diesem Zusammenhang auch den Humor, der ein wesentliches Element in der Selbst-Distanzierung ist. Eine erfolgreiche logotherapeutische Psychotherapie hilft dem Menschen also nicht nur dabei, die Selbst-Transzendenz im Blick zu halten – also den Willen zum Sinn und den Sinn im Leben, der Liebe, der Arbeit und im Leiden –, sondern auch gleichzeitig die Selbst-Distanzierung in den Griff zu bekommen und sich beispielsweise von seinen Ängsten zu distanzieren (vgl. Frankl, 2009, S. 243; Frankl, 2015b, S. 119).

 

Methodisch entwickelte Frankl hierzu zwei Vorgehensweisen:

  • die Technik der »paradoxen Intention«, die auf der Selbst-Distanzierung basiert und darin besteht, den Druck aus dem Leiden zu nehmen. Dies geschieht in der Anweisung, das neurotische Verhalten absichtlich auszuüben mit dem Ziel, die negative Erwartungshaltung zu sprengen. Wenn eine Person beispielsweise Angst vor engen Räumen hat, dann hilft ihm der Satz »Heute fahr’ ich mit dem kleinen Lift, damit mich der Schlag trifft!«, um die besondere Aufmerksamkeit von der Angst abzuziehen. Frankl meint, dass damit der heilsame Wunsch den Platz der krankmachenden Angst übernimmt (vgl. Frankl, 2009, S. 244; Frankl, 2015b, S. 120ff.).
  • die Technik der Dereflexion, die auf der Selbst-Trans­zendenz basiert und vor allem bei sogenannter Hyperreflexion eingesetzt wird. Hyperreflexion meint die übermässige Aufmerksamkeit auf Probleme bzw. übermässige Selbstbeobachtung (Reflexion). Die Dereflexion lenkt die Aufmerksamkeit von der übermässigen Selbstbeobachtung ab und leitet sie auf positive Sinnmöglichkeiten um. Dabei geht sie insofern über die Technik der paradoxen Intention hinaus, als sie die Neurose überwindet, indem konkrete Sinnmöglichkeiten bearbeitet werden, deren Verwirklichung die jeweilige Person anspricht und existentiell erfüllt (vgl. Frankl, 2009, S. 259; Frankl, 2015b, S. 120ff.).

Zentral ist bei Frankl auch der Humor:

»Tatsächlich ist der Humor ein wesentlich menschliches Phänomen und ermöglicht als solches dem Menschen, sich von allem und jedem und so denn auch von sich selbst zu distanzieren, um sich vollends in die Hand zu bekommen« (Frankl, 2015b, S. 125).

Nicht nur die Comic-Leser wissen um die Bedeutung des Humors. Auch die Comic-Figuren wissen, wie wichtig beispielsweise das Lachen ist: Donald hat in einer Geschichte sein Lächeln verloren (Rosa, 2006). Er wird von Onkel Dagobert gefeuert und gleich wieder eingestellt, von Daisy angeschrien und zum Kinoabend befohlen und von Gustav als Abtreter benutzt. Er wird von allen respektlos herumkommandiert – kein Wunder, dass das Lächeln fehlt (Abb. 10).

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Abb. 10: Donald ohne Lächeln (Rosa, 2006, S. 5) © Disney

Seine Neffen schicken ihren Onkel nach Brasilien und erzählen ihm, dass ein wichtiges Päckchen dringend persönlich in Rio de Janeiro gebracht werden muss. In Brasilien wird er von den Pfadfindern abgefangen (Abb. 11, s. S. 72) und zum Zuckerhut umgeleitet.

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Abb. 11: Donald kommt in Rio de Janeiro an (Rosa, 2006, S. 7) © Disney

Am Zuckerhut trifft er zwei alte Freunde wieder, mit denen er früher Abenteuer erlebt hat. Das Treffen wurde von den Neffen arrangiert, die versuchen, Donald damit wieder aufzuheitern. Gemeinsam beginnen sie ein neues Abenteuer und begeben sich im brasilianischen Urwald auf Schatzsuche. Auf ihrem Weg treffen sie zahlreiche gefährliche Tiere und einen Indianerstamm, die Donald prompt kidnappen. Der Indianerhäuptling ist korrupt und machtgierig und beutet seine Untertanen aus. Er lässt sie wilde Tiere fangen, um sie teuer zu verkaufen. Mit vereinten Kräften können sie den Häuptling und seinen Stamm aufhalten. Auf dem weiteren Weg stossen sie auf eine alte Legende von den sogenannten Minen der Furcht in einer verschollenen Stadt, finden diese und darüber hinaus jede Menge Gefahren inklusive einer Riesenanakonda; auch der Indianerhäuptling gibt nicht auf und überfällt die drei in der verschollenen, respektive nunmehr wiedergefundenen Stadt. Trotz seiner zahllosen Pechmomente und kleiner Katastrophen gelingt es Donald, die Gruppe immer wieder zu retten und ist für seine beiden Freunde ein Held. Donald erhält von ihnen für seine Leistungen und seinen Mut wiederholt Respekt und Anerkennung – etwas, das er von Dagobert, Daisy und Gustav nicht bekam.

Am Ende des Abenteuers erhält ein Freund ein Amulett, von dem er sich eine Ranch kaufen kann. Der andere Freund – ein Entertainer – hat einen Riesenerfolg mit einer neuen Show, die auf dem Abenteuer basiert. Beide betonen darüber hinaus, dass sie ihren Lebensmut neu entdeckt haben – das hätten sie ausschliesslich Donald zu verdanken. Dann meinen sie, dass der Eine das Glück gefunden hat, der Andere den Ruhm, aber was hat Donald von all dem? Für Donald ist die Frage leicht zu beantworten: das Lachen – wertvoller als Glück und Ruhm (Abb. 12)!

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Abb. 12: Donald hat sein Lächeln wieder (Rosa, 2006, S. 35) © Disney

 

Literatur

Barks, C. (1994). Donald Duck. Barks Library Special Donald Duck 1. Stuttgart: Ehapa Verlag.

D. O. N. A. L. D. – Deutsche Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus (20.12.2015). Donaldistische Forschung. http://www.donald.org/forschung/ (07.03.2018).

Frankl, V. (2009). Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Mit den »Zehn Thesen über die Person« (2. Auflage). München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Frankl, V. (2014). Was nicht in meinen Büchern steht. Lebenserinnerungen (6. Auflage). Weinheim/Basel: Beltz Verlag.

Frankl, V. (2015a). Grundkonzepte der Logotherapie. Wien: Facultas Verlag.

Frankl, V. (2015b). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn (27. Auflage). München: Piper Verlag.

Frankl, V. & Batthyany, A. (Hrsg.). (2015). Es kommt der Tag, da bist du frei. Unveröffentlichte Briefe, Texte und Reden. München: Kösel-Verlag.

Grote, J. (1995). Carl Barks Werkverzeichnis der Comics. Stuttgart: Ehapa Comic.

HNA (2009). Happy Birthday, Donald Duck (09.06.2009). https://www.hna.de/welt/happy-birthday-donald-duck-zr-346682.html (15.11.2017).

Löffler, H. (2004). Wie Enten hausen. Die Ducks von A bis Z. München: Beck.

Raile, P. (2016). Dagobert Duck und Alfred Adler – Eine Lebens­stil­analyse der reichsten Ente der Welt. Zeitschrift für freie psychoanalytische Forschung und Individualpsychologie, 3(2), 107–123.

Rosa, D. (1994). Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden Teil 1. Köln: Egmont Verlag.

Rosa, D. (1997). Onkel Dagobert – Schwänzen will gelernt sein. Köln: Egmont Verlag.

Rosa, D. (2005). Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden (4. Auflage). Köln: Egmont Verlag.

Rosa, D. (2005a). Onkel Dagobert – Die Rückkehr des schwarzen Ritters. Köln: Egmont Verlag.

Rosa, D. (2006). Onkel Dagobert – Die glorreichen 7 (minus 4) Caballeros. Köln: Egmont Verlag.

Stegmaier, W. (Red.) (2010). Die Ducks. Eine Familienchronik. Köln: Ehapa Verlag.

Abbildungen

Wiedergabe der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Verlags Disney Germany (Copyright)

Abb. 1: Dortel und Degenhart Duck – die Eltern von Donald (Rosa, 2005, S. 206)

Abb. 2: Das Temperament von Donald war schon vor seiner Geburt klar (Rosa, 2005, S. 206)

Abb. 3: Donald als Profigärtner (Rosa, 1997, S. 19)

Abb. 4: Das Unglück holt den Pechvogel ein (Rosa, 1997, S. 24)

Abb. 5: Der Sinn im Leiden (Rosa, 1994, S. 53)

Abb. 6: Donald Duck ist auf dem Weg zu einem neuen Job (Rosa, 2005a, S. 4)

Abb. 7: Das Leiden am sinnlosen Leben (Rosa, 2005a, S. 5)

Abb. 8: Donald erkennt seine Bedeutung im Leben (Rosa, 2005a, S. 15)

Abb. 9: Für seine Neffen sorgen – das ist ihm wichtig (Rosa, 2005a, S. 18)

Abb. 10: Donald ohne Lächeln (Rosa, 2006, S. 5)

Abb. 11: Donald kommt in Rio de Janeiro an (Rosa, 2006, S. 7)

Abb. 12: Donald hat sein Lächeln wieder (Rosa, 2006, S. 35)

Donald Duck and Viktor Frankl – An existential analysis of the most famous duck in the world

Abstract: Donald Duck and Viktor Frankl – an odd pair. Nevertheless, both are very successful, each in their way. The content of the article mainly relates to the basic concepts of Frankl’s logotherapy and existential analysis, which are later applied to the famous comic Donald Duck.

 

Keywords: Comic, Donald Duck, Logotherapy, Viktor Frankl, Existential Analysis

Donald Duck e Viktor Frankl – Un’analisi esistenziale del papero più famoso del mondo

Sommario: Donald Duck e Viktor Frankl – una coppia disuguale. Poiché entrambi a loro modo hanno successo. Il contenuto dell’articolo si riferisce ai fattori principali e ai concetti di base della logoterapia di Frankl e dell’analisi esistenziale, i quali di seguito vengono utilizzati sul famoso papero dei fumetti Donald Duck.

 

Parole chiave: fumetto, Donald Duck, logoterapia, Viktor Frankl, analisi esistenziale

Der Autor

Paolo Raile, Ing. Mag., MSc, studierte Psycho­therapie­wis­sen­schaft an der Sigmund-Freud-PrivatUniversität Wien und So­ziale Arbeit an der Donau Universität Krems. Aktuell ab­solviert er ein Doktoratsstudium an der Universität Wien. Er Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision, Sozial­arbeiter, Lebens- und Sozialberater sowie Gründer und Leiter des Vereins Psychosocialis, der InContact GmbH und der ARGE Triplecare. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die psy­cho­­­soziale Betreuung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sowie das Verfassen wissenschaftlicher Abhandlungen in Psycho-, Sozial- und Kulturwissenschaften.

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