Steven Taylor (2020): Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN: 978-3-8379-3035-1, 188 Seiten, 28.90 CHF, 19.90 EUR

https://doi.org/10.30820/2504-5119-2020-2-35

Steven Taylor ist Professor und Klinischer Psychologe an der Abteilung für Psychiatrie der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. Die englische Originalausgabe dieses Buches erschien im Herbst 2019, also kurz vor dem Ausbruch der aktuellen Pandemie. Der Psychosozial-Verlag schaltete schnell und brachte bereits im Frühjahr 2020 eine deutsche Ausgabe auf den Markt.

Das Buch ist nicht nur aus aktuellem Anlass sehr spannend zu lesen. Der Autor blickt zurück auf frühere Pandemien von der Beulenpest 1346–1353 bis hin zu den Pandemien des vergangenen und diesen Jahrhunderts (HIV/Aids 1981–heute; Spanische Grippe 1918–1920; Russische Grippe 1889–1890; Asiatische Grippe 1957–1958; Hong-Kong Grippe 1968–1969; zweite Russische Grippe 1977–1978; Schweinegrippe 2009–2010; Zika-Virus-Pandemie 2015–2016). Erörtert werden auch Daten zu den SARS- und MERS-Epidemien, zum Ebola-Fieber wie auch zur Vogelgrippe.

Taylor beginnt mit einer Definition der Pandemie, erörtert an den gegebenen Beispielen die Stressfaktoren, die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und die Wirtschaft und exploriert, wie sich Pandemien verbreiten.

Als Ziel des Buches will der Autor Informationen liefern, um aus den bisherigen Pandemien und wie man ihnen begegnete zu lernen, um sich besser auf eine kommende Pandemie vorbereiten zu können. Ironischerweise brach diese schon wenige Monate nach der Publikation aus. Erwähnenswert ist, dass alle seriösen Virolog*innen und Epidemiolog*innen in den letzten Jahren davon ausgingen, dass demnächst eine neue Pandemie ausbrechen würde (es war also nicht bloss Bill Gates, der davon sprach). Man erwartete allerdings eine Mutation von Influenzaviren, nicht eine neue Form eines Coronavirus.

In einem nächsten Schritt beschreibt Taylor den modernen Umgang mit Pandemien: Risiko- und Krisenkommunikation, Pharmakologische Behandlung, Hygienepraktiken, Social Distanc­ing (auch Quarantäne, Reisebeschränkungen, Schliessung von nicht notwendigen Geschäften, Freizeiteinrichtungen oder gar Schulen und Arbeitsplatzschliessungen). Seine Ausführungen sind gestützt auf Studien zu vergangenen Pandemien und deren Auswirkungen.

Den Hauptfokus setzt er dann auf die psychologischen Reaktionen auf Pandemien: Ängste, Depressionen, PTBS, verzweifelte Jagd nach Wundermitteln, Unruhen, Ausschreitungen, Aggressivität, Gerüchtebildung, Verschwörungstheorien, Suche nach Schuldigen, Fremdenhass. Er reflektiert die Wechselwirkung von pandemiebedingtem emotionalem Stress und dem Immunsystem. Persönlichkeitseigenschaften sind Faktoren der emotionalen Verletzlichkeit. Der Autor erläutert kognitive Verhaltensmodelle von Krankheitsangst. Interessant ist auch der Begriff des «Verhaltensimmunsystems», das er neben dem biologischen Immunsystem erkennt (belegt durch Forschung).

Verschwörungstheorien sind in Zeiten grosser Unsicherheit normal und stellen einen Versuch dar, den bedrohlichen Ereignissen einen Sinn abzugewinnen. Wichtig ist, wie man damit umgeht, so Taylor. An sozialpsychologischen Faktoren untersucht er die Funktion von sozialen Netzwerken, medialer Berichterstattung, Sozialer Medien und die Einstellung gegenüber Impfungen. Der Autor plädiert für eine Verbesserung der Krisen- und Risikokommunikation und für ein verbessertes Impfverhalten.

Für die Behandlung emotionaler Notsituationen während einer Pandemie zeichnet Taylor einen «Screen-and-Treat-Ansatz». Er spricht sich für einen niederschwelligen Zugang zu psychologischer und psychotherapeutischer Hilfe aus: Beobachtung, Beratung und gegebenenfalls Behandlung.

Interessant ist seine Vision einer nächsten Pandemie. Sie zeichnet Dinge und Phänomene, die wir seit Frühjahr im Umgang mit der COVID-19-Pandemie live beobachten können.

Gerne empfehle ich dieses Buch. Es enthält für alle PsychotherapeutInnen und BeraterInnen viel Wissenswertes. Bloss die jeweils ausschliessliche Nennung der Kognitiven Verhaltenstherapie als wirksames Therapieverfahren nervt.

Mein persönliches Fazit: Die Fachwelt und die Gesundheitsbehörden wussten schon seit Langem, dass eine Pandemie auf uns zukommen wird. Wie damit umzugehen ist, war schon seit Jahren bekannt. Pandemiepläne existierten zwar, wurden aber nicht umgesetzt. Nur so ist der Mangel an Masken und Hygieneprodukten in den ersten Monaten zu erklären. Mit der Infragestellung der forschungsbelegten Wirksamkeit von Masken, um zu verbergen, dass man ungenügend vorbereitet war, leistete sich die behördliche Kommunikation einen schweren und kaum zu korrigierenden Fehler. Man wusste, und handelte doch nicht, bis man sich überrascht gab, dass das, was man wusste, in der Tat unverhofft schnell eintrat. Eine Reflexion der sozialen und psychologischen Auswirkungen der Pandemie und der angeordneten Massnahmen fehlte im Schweizer Krisenstab. Psychologische Hilfe wurde in der Schweiz erschwert statt erleichtert, ein klarer Fehler. Daraus sollten die Gesundheitsbehörden lernen für eine nächste Pandemie, die mit Sicherheit kommen wird.

Peter Schulthess

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