Editorial

https://doi.org/10.30820/8245.01

Diesem Heft gaben wir den Titel «Big Data und Psychotherapie». Drei Beiträge gehen darauf ein: Im Bericht vom Psy-Kongress wird auf ein Referat verwiesen, das in einem Beitrag in der Rubrik «Fokus» vertieft wird.

Berichteten wir im letzten Heft von Psychotherapie via elektronische Medien, so öffnet sich nun das Feld der computergestützten Psychotherapie. Big Data ermöglicht es, aus allen möglichen Informationen, die über uns im Internet gesammelt werden, unter vielem anderem auch Krankheiten zu diagnostizieren und Prognosen zu erstellen. Stellen Sie sich vor, der Computer weiss, dass Sie Krebs haben, noch bevor Sie es selbst wissen oder Symptome verspüren. Und stellen Sie sich weiter vor, Ihre Versicherung weiss das noch vor Ihnen. Auch für die Diagnosestellung bei psychischen Störungen können die Daten verwendet werden. Computergestützte Diagnosen werden heute Fachleuten im ganzen Bereich der Medizin empfohlen. Bekannt ist etwa auch Dr. Watson, ein Computer, in dem Sie Ihre Symptome eingeben können und der Ihnen dann die entsprechende Diagnose stellt. Oft diagnostiziert er besser als Ihr Hausarzt. Doch manchmal irrt auch er sich. Er schlägt Therapiemassnahmen vor, stützt sich auf evidence based medicine und kann Ihre Therapie-Compliance einschätzen. So weit so gut, doch Daten können auch mannigfaltig manipuliert werden. Wer wertet die Daten ohne unser Wissen aus? Was geschieht damit und was für Folgen haben wir zu tragen? Wer kann und will diese Entwicklung kontrollieren? Ein Datenschützer? Der rennt der Entwicklung stets hinterher.

Sie haben einen Facebook-Account? Nutzen Instagram? ReserachGate? Andere Foren? Verkehren ungesichert via E-Mail? Sind noch in anderen sozialen Netzwerken aktiv? Sie nutzen Google, Yahoo oder andere Suchmaschinen? Sie shoppen bei Amazon? Ihr Smartphone ist mittels GPS zu orten? – Das sind alles hilfreiche Tools, doch sie verursachen eine riesige Datenspur, die ausgewertet wird, ohne dass Sie es wissen.

Dirk Helbling, der Referent, meinte, es gehe nicht darum, Big Data zu verteufeln oder gut zu finden, es gehe darum, dass wir uns dessen be­wusst werden und darüber reden, statt stillschweigend zu ahnen und hinzunehmen.

In der Rubrik «Debatte» greift Marianne Roth das Thema Big Data ebenfalls auf und zeigt, wie unsicher heute Nachrichten (Fake News) sind, wie lügen zur Gewohnheit wird und wie sehr uns das beeinflussen kann. Vieles, was wir meinen, selbst zu wählen, ist im Grunde fremdgesteuert. Personalisierte Fremdsteuerung.

Ein weiteres Thema in diesem Heft gilt der Wissenschaftlichkeit. Davon ist auch im Bericht über den Psy-Kongress zu lesen, dann in der Rubrik «Psychotherapie international», wo über ein weiteres Gutachten des deutschen Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie berichtet wird. Eine ausführliche Zusammenfassung eines Referates von Jens Gaab zur Psychotherapie- und Placeboforschung (auch da werden wie wild Daten gesammelt und oft auch manipuliert) wirft ein besonderes Licht auf den aktuellen Forschungsstand.

In der Rubrik «Aktuelles» finden Sie manch Wis­sens­wertes über und um die ASP und in «Psy­­chotherapie international» lesen Sie auch den Bericht über die Aktivitäten in der EAP.

Und wie üblich finden Sie auch in diesem Heft in der Rubrik «Nachgefragt» ein Interview mit ei­nem Mitglied der ASP.

In der Rubrik «Wissen» finden Sie einen Fachbeitrag zur Psychosomatik aus dem italienischen Sprachraum. Antonio Malgaroli, Professor für Psy­chiatrie und Neurowissenschaften an der Uni­versität San Raffaele in Milano und der Università della Svizzera in Lugano, beschreibt die komplexen Informationsvorgänge im Gehirn, die Psyche und Soma verbinden. Die Trennung von psychischen und somatischen Leiden beurteilt er aus ganzheitlicher und neurowissenschaftlicher Sicht als komplett überholt.

Den Abschluss des Heftes bilden drei Buchbesprechungen und der Veranstaltungskalender.

Sollte der eine oder andere Beitrag Sie anregen, ebenfalls etwas zu diesem Thema schreiben zu wollen, so bietet sich die Rubrik «Debatte» für einen Diskurs vorzüglich an.

Ich wünsche Ihnen gute Lektüre.

 

Peter Schulthess, Redaktionsleiter

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